Was das Auto mit unserer Psyche zu tun hat und ob wir überhaupt im richtigen Auto sitzen, erforscht der Automobil-Psychologe Dr. Rüdiger Hossiep im Rahmen einer Studie. Ein Selbstversuch – mit überraschendem Ergebnis.

Warum wir alte Autos fahren

„Viele Leute haben die Fahrzeuge, die sie in den Lebensjahren 13 bis 16 spannend fanden, die die Eltern hatten oder gerne gehabt hätten“, erklärt Dr. Rüdiger Hossiep. Das Auto erinnert uns an unsere Kindheit, die Familie, die unbeschwerten Jahre. Es konserviert unsere Erinnerungen. Mit dem Oldtimer nehmen wir ein Stück Vergangenheit mit in die Zukunft. Wir wollen selber schrauben, Mechanik begreifen. Nicht nur Computer bewegen. Und manchmal fahren wir auch nur deswegen ein altes Auto, weil wir gerne ein bisschen anders sein, nicht mit dem Strom schwimmen wollen.

Der Neuwagen zur Selbstdarstellung

Wie aber sieht das bei Neuwagen aus? Modelle unterschiedlicher Marken sehen sich heute zum Verwechseln ähnlich. Tatsächlich entscheidet bei einem Neuwagenkauf weniger der technische Aspekt, sondern vielmehr die Wirkung nach außen. „Das Auto ist der einzige teure Konsumgegenstand, den Sie mitnehmen, in den Sie sich sogar reinsetzen können, der eine soziale Abgrenzung hat“, erklärt Hossiep. Im Gegensatz zur teuren Uhr sieht es ja auch jeder.

Der Käufer entscheidet nach dem eigenen Selbstbild, der Zugehörigkeit einer bestimmten Schicht oder dem Wunsch, einer bestimmten Schicht anzugehören. Er setzt eine Marke. Und wer das nicht will, wählt das entsprechende Auto, z. B. einen Dacia. Das Unternehmen wirbt ja sogar damit, „kein Statussymbol“ zu sein. Und hat genau damit eines geschaffen.

Was Tuning über den Besitzer verrät

Jeder, der auf dem Land großgeworden ist, kennt sie: Die Dorfjugend im tiefergelegten Audi 80. Während der Lehrzeit lebt sie noch zu Hause, kauft sich eine billige Fuhre und buttert den ersten Lohn komplett in die Karre. Eine gewisse Klientel führt das im Erwachsenenalter fort mit fetten Niederquerschnittsreifen, gechipten 700 PS und vierflutigen Abgasanlagen. Schneller ist man damit nicht am Ziel. Schöner auch nicht. Aber ist Tuning nicht auch nur ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit? Hossiep bezweifelt das. „Die übertriebene Darstellung der eigenen Gloriosität fußt eigentlich auf einer tiefen Unsicherheit und einer Unzulänglichkeit, die auf diese Weise nach außen überkompensiert wird.“ Kurz: Komplexe also.

Das Auto und die Psyche seines Besitzers

Seit 16 Jahren untersucht Hossiep unsere Beziehung zum Auto, den Zusammenhang zwischen der eigenen Persönlichkeit und der automobilen Markenwahl. Denn: Obwohl man es bei uns Deutschen vermuten könnte, lässt uns die Ingenieurskunst relativ kalt. Hossiep will es genauer wissen und Teilnehmer für seine Studie gewinnen. Er bittet Motor Talk, nach eigenen Angaben Europas größte Auto-Community, um eine Kooperation. Die Plattform versorgt den Professor mit Datensätzen, die die Forscher mit den Fahrzeugbeständen des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) in Beziehung setzen. Basierend auf dem Fahrzeugbestand und der Anzahl der Postings in den Motor-Talk-Foren erstellen sie den sogenannten Involvement Index, eine Rangliste der beliebtesten Automarken. (Hier könnt ihr euch den aktuellen Involvement Index 2015 im Detail ansehen).

Ziel der Studie ist, dass man seine Zeit nicht mehr in Autohäusern, Onlinebörsen oder auf Kiesplätzen verschwendet, sondern diesen Fragebogen bearbeitet und das passende Fahrzeug vorgeschlagen bekommt. Das Fahrzeug, das garantiert zur eigenen Persönlichkeit passt. Bislang verfügen Hossiep und seine Kollegen über 11.000 Daten und können nur Marken empfehlen. Aber noch dieses Jahr soll die Empfehlung einzelner Modelle möglich sein.

Wir Deutschen sind mit der emotionalen Beziehung zum Auto übrigens nicht allein. Auch Briten und Italiener lieben ihr Fahrzeug. Und doch unterscheiden wir uns. Während sich der Engländer auch für ein dreckiges Auto begeistern kann und dem Italiener Spaltmaße völlig schnuppe sind, verhält sich der Deutsche immer ein wenig zwanghaft. „Stil ist nicht unsere Stärke“, schmunzelt Hossiep. Die Deutschen seien grundsätzlich zu angepasst, trauten sich nicht, aus der Reihe zu tanzen und schielten gerne auf den Nachbarn.

Gerade der Neid ist ein Problem in unserer Gesellschaft. Wenn in den USA einer ein dickes Auto fährt, dann freuen sich die Nachbarn und sagen „Mensch – der hat´s geschafft“. In Deutschland hält man ihn entweder für einen betrügerischen Schrotthändler oder einen geschiedenen Zahnarzt und lästert hinter vorgehaltener Hand: „Was ist das denn für ein Arschloch, dass der so ein Auto fährt?“.

Wer fährt eigentlich welche Marke, Herr Hossiep?

Der typische Audi-Fahrer geht gern auf Nummer sicher. Er schlägt den Mittelweg ein, was Design und Technik betrifft. Audi lebt von seinem exzellenten Ruf aus der Vergangenheit. Der ist allerdings weit besser als die Realität. Technische Innovationen fehlen, Audi hinkt Mercedes und BMW weit hinterher. Typische BMW-Fahrer halten sich für Dynamiker. Agile Typen, die Kohle haben und gerne tiefer, lauter und schwärzer über die Bahn brezeln.

Handwerksmeister, die viele Jahre erfolgreich selbständig sind, leisten sich hingegen häufig einen Mercedes. Er sendet das Signal: ‚Ich hab´s geschafft‘. Mercedes ist der einzige Hersteller im Premiumsegment, der überhaupt noch nennenswerte Zahlen an Privatzulassungen hat. Dafür ist die Kundschaft überwiegend im Seniorenalter.

Der typische Porsche-Fahrer hat keine Kinder, aber ein volles Konto. Sein Porsche ist für ihn eine Investition ohne Wertverfall. Mit seinem Luxussportler will er zeigen, dass er auch in der Horizontalen noch Gas geben kann. Übrigens zählen Porsche-Fahrer – laut Selbsteinschätzung im Fragebogen – zu den aggressivsten Fahrern auf deutschen Straßen, dicht gefolgt von SEAT-Fahrern.

Welches Auto passt zu mir? Ein Selbstversuch.

Das war die Theorie. Jetzt kommt die Praxis. Ich nehme mir 20 Minuten Zeit und beantworte den Test so ehrlich und spontan wie möglich. Denn: Schummeln ist Selbstbetrug und bringt am Ende nichts. Gespannt warte ich auf mein Ergebnis. Was für ein Fahrer-Typ bin ich? Was ist mir an einem Auto wirklich wichtig und… sitze ich überhaupt im richtigen Auto?

Wenige Tage später flattert der Ergebnisbericht in mein Postfach. Auf insgesamt neun Seiten wird mein Fahr-Verhalten analysiert und erläutert. Ich lese, dass mir das Image der Marke sowie Funktionalität und Sicherheit des Fahrzeugs relativ unwichtig sind. Dagegen stehen Individualität, Faszination und Genuss hoch im Kurs. Noch bin ich nicht überrascht. So habe ich mich selbst eingeschätzt.

Spannend wird es, als ich erfahre, welcher Fahrer-Gruppe ich angehöre. Die Teilnehmer der Studie werden in die folgenden sieben verschiedene Gruppen, sogenannte Cluster, eingeteilt:

  • Desinteressiert – Fahrer mit rein funktionalen Ansprüchen 10.7%
  • Qualitätsorientierte Funktionalisten – Gelassene Fahrer mit Wunsch nach Sicherheit. 15.8%
  • Ungeduldig & Leidenschaftslos – Fahrer mit eher aggressivem, wenig gelassenem Fahrstil. 15.8%
  • Gelassen & Genügsam – Fahrer mit durchschnittlichen Ansprüchen und umsichtigem Fahrstil. 16.8%
  • Sicherheitsorientiert & Imagebewusst – Diese Fahrer achten sehr auf das Image der Marke. 14.8%
  • Sportliche Individualisten – Begeistert von Autos, legen besonders Wert auf Individualität. 14.2%
  • Offensiv & Statusbewusst – Fahrer nutzen das Auto als Statussymbol und fahren sehr aggressiv. 11.9%

Ich gehöre zu den „Sportlichen Individualisten“. Fahrer dieser Gruppe ‚sind sehr anspruchsvoll in Bezug auf Design und Verarbeitung‘. Sie nutzen ihr Fahrzeug nicht als Statussymbol, sondern möchten damit vor allem ihre Individualität ausdrücken. Sportliche Individualisten sind durchschnittlich 43 Jahre alt und nur selten weiblich. Die Fahrer dieser Gruppe bezeichnen sich im Schnitt als nostalgisch und haben eine große Affinität zu Oldtimern.

Auf der nächsten Seite werden mir fünf aktuelle Automarken empfohlen, die am besten zu meinem Profil passen. Und jetzt bin ich das erste Mal baff: Mindestens zwei davon finde ich gruselig. Außerdem erfahre ich, von welchen Marken ich die Finger lassen sollte, darunter Dacia, Toyota und Renault. Aber: Ich will ja auch überhaupt keinen Neuwagen kaufen. Deshalb blättere ich weiter und staune über die empfohlenen Oldtimer-Marken.

Warum habe ich diesen Test gemacht?

Ich habe mich bewusst mit meinem Fahrverhalten beschäftigt und meine Fahrzeugwahl hinterfragt. Es trifft zu, dass mich mein Auto an meine Kindheit erinnert. Denn so sentimental es auch klingen mag, der gullernde V8 ist meine Verbindung zu meinem längst verstorbenen Vater. Ich habe außerdem beschlossen, dass das Vorhaben Ford Bronco für mich noch nicht ad acta gelegt ist. Überrascht haben mich die empfohlenen Oldtimer-Marken. Das Ergebnis bestärkt mich allerdings auch in meiner Meinung, öfter mal über den Tellerrand zu schauen. Und das schadet ja nie, oder?

Jetzt bin ich gespannt, was bei euch rauskommt – sitzt ihr eigentlich im richtigen Auto?

Dr. Rüdiger Hossiep

Dr. Rüdiger Hossiep

Ruhr-Universität Bochum

„Dem Porsche 356 fahre ich um die Ohren mit meinem MINI!“

Dr. Rüdiger Hossiep ist Wirtschaftspsychologe und untersucht seit dem Jahr 2000 die emotionale Beziehung zwischen Mensch und Maschine. In seiner Privatgarage stehen neben einem 15 Jahre alten Saab 9.5 noch ein betagter Volvo 240 und ein MINI – seiner Meinung nach das perfekte Auto für einen Intellektuellen.

Bilder: Dr. Rüdiger Hossiep, Jutta Steinbrück-Weiß; Text: Margret Meincken

Wer fährt eigentlich… MINI Cooper?

Gibt es ihn – den typischen MINI Cooper-Fahrer? Ja, es gibt ihn. Und nein, es ist nicht der schwule Yuppie aus München oder die grazile Studentin aus reichem Hause. Ich habe eine typische MINI-Fahrerin gefunden. Typischer Entenhausen-Fahrstil inklusive. Schon gespannt?

Katze

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Gründerin und Chefredakteurin von V8-Kultur. Begeistert von altem Blech und legendären Verbrennungsmotoren, mit feinem Humor und leichter Melancholie. Lebt und arbeitet als freie Journalistin und Redakteurin in München und schreibt unter anderem für die Magazine Auto Bild Reisemobil und Auto Bild Klassik.
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