Zweieinhalb Tonnen rutschten bergab. Quer. „Halt sofort an und lass mich raus!“ schrie meine Mutter. Ihr Gesicht klebte an der Seitenscheibe. Sie umklammerte ihren Bauch, in dem ich zu diesem Zeitpunkt wohnte. Nicht größer als ein Monchhichi, doch bereits weit genug entwickelt, um den mächtigen V8 zu spüren.

Mein Vater bremste. Meine Mutter stieg aus, mit der linken Hand meine Schwester aus dem Ford Bronco zerrend, die rechte Hand weiter um den schwangeren Bauch gelegt. Energisch schüttelte sie den Kopf. Sollte mein Vater den matschigen Hang hinter Berau im Südschwarzwald doch alleine runterrutschen. Dabei wollte mein Vater nur spielen. Mit seinem Ford Bronco Ranger XLT. Zwar ohne die originalen Stollenreifen, dafür aber mit einer erstklassigen Geländeuntersetzung. Damals, im März 1980, wurde der Grundstein für meine Liebe zu V8-Motoren gelegt. Im darauffolgenden Spätsommer ist meine Mutter übrigens hochschwanger über Bord gegangen, was meine Liebe zum Wasser erklären könnte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Er war einer der letzten seiner Art: Der Ford Bronco Ranger XLT von 1978, angetrieben von einem 5,8-Liter-V8 (351 cubic inch). Die Kraftübertragung erfolgte über eine seidenweiche Vier-Gang-Automatik. Serienmäßig war ein zuschaltbarer Allrad mit Vorderrad-Differential an Bord. Optional konnte der Bronco mit permanentem Allrad bestellt werden. An der Hinterachse bremsten Trommelbremsen, vorne bereits Scheibenbremsen. Zur Sonderausstattung des Ranger XLT zählten die rechteckigen Scheinwerfer, dick verchromte Front- und Heckstoßfänger, eine Zierchromleiste um die Windschutzscheibe, größere Radläufe und in Chrom gefasste, runde Rückleuchten.

Die Karosserie saß auf einem Leiterrahmen, mit Längsträgern so massiv wie Stahlbetonträger im Burj al Arab. Das einzige, was bei einem Unfall knautschte, war das Hindernis. Knautschte das Hindernis nicht, konnten die fehlenden Kopfstützen tödliche Folgen für die Insassen haben. An der Ampel gullerte das Ungetüm wie ein schnarchender Dinosaurier. Gab man Gas, ertönte für gefühlte drei Sekunden ein „ffffffffffff“. Der Bronco sog kubikmeterweise Luft ein und ließ Benzin in seine acht Pötte strömen. 0,725 Liter pro Zylinder – so viel wie in acht Fiat Cinquecento von 1991. Er grollte und dampfte los. Bei einem Leergewicht von knapp 2,4 Tonnen und 163 Pferdchen langsam. Aber bedrohlich.

Bis zum Bauch im Dreck

In meiner Familie gab es zwei Rituale. Erstens: An Feiertagen spazierten wir durch den Schwarzwald – egal bei welchem Wetter. Zweitens: Der Bronco wurde im Acker geparkt. So auch im Winter 1989. Nach dem obligatorischen Marsch durch nasskalten Nebel kletterte die Familie bei herankriechender Dunkelheit wieder in ihren Ford. Vater Meincken startete den Motor, legte den Rückwärtsgang ein und trat auf´s Gas. Schlammige Fontänen schossen an den Seitenfenstern vorbei. Steine und Erdklumpen schleuderten gegen den Unterboden. Die vier Räder rotierten in der Erde wie Kreissägenblätter. Der Bronco grub sich ein bis zum Bauch. Mein Vater brummte, drückte die Tür auf und glitt ebenerdig vom Fahrersitz auf den Acker. Er klemmte die Gummi-Fußmatten hinter die Reifen, zog den Lenkrad-Wählhebel wieder auf „R“ und gab Gas. „Flapp, flapp, flapp, flapp.“ Vier Gummimatten fetzten durchs Mondlicht wie angeschossene Fledermäuse.

Mein Vater befahl, nach flachen Holzscheiten am Waldrand zu suchen. Wir fanden zwei und drückten sie unter den Hinterrädern in den Schlamm. Wir sahen sie nie wieder. Eine halbe Stunde später fuhr ein PKW vorbei – wenn ich mich recht erinnere, war es ein Ford Scorpio. Der Fahrer hielt und fragte, ob er helfen könne. Atemlos starrten wir meinen Vater an. Der wischte sich die lehmverkrusteten Hände an seiner ausgebeulten Jeans ab und willigte ein. Zähneknirschend. Die beiden Männer befestigten das Abschleppseil an ihren Autos. Dann stieg mein Vater in seinen Bronco und ließ sich von einem Scorpio aus dem Schlamm ziehen. Er sprach den ganzen Abend kein Wort mehr. Meine Mutter versuchte, ihn zu trösten. „Hätten wird die Stollenreifen noch, wäre das bestimmt nicht passiert.“

Am nächsten Tag bearbeiteten wir unseren Bronco zweieinhalb Stunden mit dem Hochdruckstrahler, wischten die Einstiegsleisten trocken und drapierten die neu gekauften Perserteppich-Imitate im Fußraum. Mein Vater formulierte inzwischen wieder zusammenhängende Sätze und hatte seinem Geländewagen schon fast verziehen. Er streichelte über den elfenbein-braunen Lack, der im winterlichen Abendlicht glänzte, und schwang sich auf den Fahrersitz. Der gesamte Innenraum war mit dickem, braunem Veloursteppich ausgekleidet. In die Türverkleidungen und das gepolsterte Armaturenbrett war feines Holzimitat eingearbeitet. Die breite Rücksitzbank und die Vordersitze waren mit beige-braunem, perforierten Vinyl bezogen. Zwischen Fahrer- und Beifahrersitz hockte eine breite, braune Kunststoffkiste, in der Karten, Getränke und Vorräte verstaut und bald darauf vergessen waren.

Zur Sonderausstattung unseres Ford Broncos zählten außerdem das Drei-Speichen-Sportlenkrad, umhüllt von schwarzem Vinyl, und eine mit purem FCKW kühlende Klimaanlage, die Eiswürfel bis hinter die Rücksitzbank spuckte. Unterhalb der Klimaanlage, die man mit verchromten Schiebern regeln konnte, klemmte das Radio samt Kassettendeck. Aber kein gewöhnliches Kassettendeck. Die zwei mitgelieferten Tonbänder waren fast so groß wie VHS-Kassetten (kennt ihr die noch?): eine mit amerikanischen Disco-Hits aus den 1970ern und eine mit deutscher Volksmusik bzw. mit Geräuschen, die Amerikaner für deutsche Volksmusik hielten. Gelegentlich schoben wir die „German Volksmusik“ in den Tonbandschlund und kringelten uns auf dem weichen Teppich, sobald das „Ummphta ummphta, rummtata“ ertönte. Es war wie die unheimliche Begegnung der dritten Art.

Erinnerungen an einen der letzten Dinosaurier

Ich erinnere mich an unsere Touren an die Ostsee. Das Schiff auf dem Trailer, der Bronco mit aufgeblasenen Hijackers, damit sich das Gespann nicht aufschaukelte. Mit einer Reisegeschwindigkeit von 80 km/h und einem Durchschnittsverbrauch von 30 Litern. Wir hielten an jeder dritten Autobahntankstelle.
Ich erinnere mich, dass ich meinen Vater abends schon von Weitem hören konnte, wenn er nach Hause fuhr. Ich hörte, wie die Reifen über den Asphalt walzten, wenn er in unseren Hof einbog. Manchmal kehre ich zu unserem längst verkauften Haus im Südschwarzwald zurück und betrachte die Mulden, die der Ford Bronco mit seinen 2,4 Tonnen in die Auffahrt gedrückt hat. Sie sind das Letzte, was von ihm geblieben ist.
Und ich erinnere mich an das Jahr 1996. Mein Vater war inzwischen schwerkrank und stieß alles ab, was er als aktiver Mann geliebt hatte. Er verscherbelte das Segelboot an einen Betrüger aus Hamburg und verschenkte unseren Ford Bronco Ranger XLT von 1978 an einen Händler aus Konstanz. Ich war zu jung, um zu widersprechen.

Noch heute, fast 20 Jahre später, würde ich meine Seele für dieses Auto verkaufen. Und wenn die keiner haben will, so würde ich wenigstens gerne den Besitzer kennenlernen und ein letztes Mal in dem Auto meiner Kindheit sitzen. Um mich gebührend zu verabschieden – von einem der letzten Dinosaurier.

Technische Daten:

  • Motor: 5,8 Liter V8 (351 cui)
  • Leistung: 163 PS
  • Drehmoment: max. 267 Nm bei 2200 U/min.
  • Länge: 4,58 m, Breite: 2,01 m, Höhe: 1,92 m
  • Bodenfreiheit vorne: 20,6 cm, hinten: 19,8 cm
  • Starrachse vorne und hinten
  • Vorne: Schraubenfeder, hinten: Blattfedern
  • Leergewicht: 2.363 kg
  • Zulässiges Gesamtgewicht: 2.767 kg
  • Bremsweg von 96 auf 0 km/h: 45 Meter
  • Tankvolumen: 25 Gallonen (94,64 Liter), optional 32 Gallonen (121,14 Liter)
  • Durchschnittsverbrauch: 17,6 Liter auf 100 km
  • Basispreis 1978: 6.543 US-Dollar

Katze

Katze

Gründerin und Autorin von V8-Kultur. Begeistert von altem Blech und legendären Verbrennungsmotoren, lebt und arbeitet als freie Journalistin und Redakteurin in München, schreibt unter anderem für die Magazine Auto Bild Reisemobil und Auto Bild Klassik.
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