Er trägt eine Funkantenne auf dem Dach und Rostblasen auf dem Lack, gilt als Spießerkarre und Wanderdüne. Doch Sofia Nowak liebt ihren Opel Vectra B Caravan. Er sichert ihre Existenz.

Sie flüstert ihrer Tochter ins Ohr. Dann öffnet sie die Tür des dunkelblauen Opels. Jelena schluchzt, den rechten Arm um die Taille der Mutter geschlungen. Marek drückt seine Frau fest an sich und brummt ihr mit sanfter Stimme „Kocham Cię“ – Ich liebe Dich – ins Ohr. Sie blickt in die kalten Augen ihrer Schwiegermutter, gibt ihr flüchtig die Hand.

Dann steigt Sofia Nowak in ihren Opel Vectra B Caravan, hellgraue Stoffsitze, Lenkrad aus Lederimitat. Sie startet den Motor. Jelena wischt sich Tränen aus dem Gesicht und vergräbt sich im Arm ihres Vaters. Sofia Nowak winkt und rollt von der Einfahrt des Häuschens am Stadtrand von Krakau. Sie arbeitet als Putzfrau in Nürnberg und wird erst in vier, vielleicht fünf Wochen wieder nach Hause kommen.

Sofia Nowak ist gelernte Kinderkrankenschwester. Doch von dem Gehalt kann man nicht leben. Nicht in Polen. Vor fünf Jahren wurde sie arbeitslos. Da hatten ihr Mann und sie gerade mit dem Bau des Häuschens begonnen. Sie entschied sich, in Deutschland zu putzen.

43 Jahre ist sie jetzt alt. Für die Fahrt nach Nürnberg hat sie ihr blond gefärbtes Haar sorgfältig toupiert und mit Haarspray fixiert. Die hohen Wangenknochen betonen ihre eisblauen, mandelförmigen Augen. Sie trägt ihre besten Kleidungsstücke: eine ausgeblichene, enge Jeans und ein weißes Baumwolloberteil mit schwarzen Querstreifen.

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Der Inbegriff deutscher Wertarbeit

Früher ist Sofia Nowak immer geflogen. Doch das war ihr zu unflexibel. Und zu teuer. Vor vier Monaten dann hat sie sich diesen 20 Jahre alten Opel Vectra gekauft. Opel, das ist in Polen der Inbegriff deutscher Wertarbeit. Opel gilt als zuverlässig, robust und gut verarbeitet. Die Ersatzteile sind günstig, die Motoren nicht sportlich, aber sparsam. Vor allem aber schluckt die weiche Federung die vielen Schlaglöcher auf polnischen Landstraßen.

Marek Nowak hat seiner Frau eine Funkantenne auf dem Dach installiert, die sich auf der Autobahn tief nach hinten beugt. Er macht sich Sorgen, wenn seine Frau alleine unterwegs ist. Sobald das Heck ihres Opel Vectras nicht mehr zu sehen ist, stürmt er ins Schlafzimmer, kniet vor dem Funkgerät, das er neben den Marienfiguren aufgestellt hat, und wartet auf den ersten Funkspruch. Jedes Mal, wenn sie aufbricht, überkommt ihn eine bleierne Traurigkeit. Er schämt sich, dass er es als Busfahrer nicht schafft, den Kredit für das Haus abzubezahlen und die vierköpfige Familie zu ernähren.

Eine wohlhabende Familie aus der Nähe von Nürnberg hat Sofia Nowak Geld geliehen. Viel Geld. 60.000 Euro, um das Häuschen fertigzustellen. Sie lacht. „Hier für 60.000 baut man Garage, in Polen ganze Haus.“ Das Geld muss sie abarbeiten. Den Rest schickt sie nach Krakau. Ein paar Euro behält sie für sich.

Sie parkt ihren Opel Vectra B vor einem zitronengelben Haus mit großem Grundstück, getrimmte Buchsbäumchen, handgeschnittener Golfrasen. Sie wühlt in ihrer Kunstlederhandtasche nach dem Schlüssel und schließt die schwere Haustür aus Eiche auf.

Ein Kleiderschrank so groß wie ihr Appartement

Der erste Job für heute. In der Küche thronen eine fünf Meter lange Marmor-Arbeitsplatte und eine Kochinsel mit sechs Herdplatten und zwei Öfen. An das Schlafzimmer grenzt ein begehbarer Kleiderschrank, so groß wie Sofias Ein-Zimmer-Appartement.

In ihrer winzigen Wohnung stehen nur wenige Möbel, zusammengesammelt aus dem, was andere nicht mehr haben wollten. Das alte IKEA-Bettgestell kauert im hinteren, rechten Eck der kleinen Wohnung, der kleine Schreibtisch verliert sich an der linken Wand unterhalb des einzigen Fensters. Als Couchtisch dient eine umgedrehte Holzkiste, auf der eine handgemachte, opulent verzierte Kerze steht.

Viel leisten kann sich Sofia Nowak nicht. Aber sie kann für ihre Familie sorgen. So gut es eben geht. In drei Wochen macht Tochter Jelena Abitur. Ihre Mutter wird nicht dabeisein können.


Der Opel Vectra B ist unser zehnter Text in der mehrteiligen Reihe „Wer fährt eigentlich…?“

Welche Menschen fahren welches Auto? Und warum? Weil die Wahl des eigenen Autos von Beruf, Lebensabschnitt und dem eigenen Selbstbild abhängt. Wir alle passen in dieses Muster. Ich habe den Alltag auf deutschen Straßen beobachtet und porträtiere Menschen in und mit ihrem Fahrzeug – mal zugespitzt, mal melancholisch, aber immer mit einem Augenzwinkern.

Lest auch Teil 9 und Teil 8: Wer fährt eigentlich VW T5 Multivan und auf den Kiesplatz?


Illustration: © Cliv


Text: Margret Meincken

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Katze

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Gründerin und Autorin von V8-Kultur. Begeistert von altem Blech und legendären Verbrennungsmotoren, lebt und arbeitet als freie Journalistin und Redakteurin in München, schreibt unter anderem für die Magazine Auto Bild Reisemobil und Auto Bild Klassik.
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