Der VW T5 Multivan ist ein praktisches Auto. Eigentlich. Doch gerade in Großstädten ist er häufig nur Lifestyle-Produkt verkorkster Gymnasiallehrerhaushalte mit Weltverbesserungsauftrag. Ich habe nach typischen VW T5 Multivan-Fahrern gesucht – und diese Familie gefunden.

Lutz Kronberger klettert auf den Fahrersitz und schnallt sich an. In seiner Rechten klemmt ein Energieriegel aus matschigem Obst und Esspapierplatten, mit der Linken popelt er vergorene Apfelstückchen aus den Zähnen. Ehefrau Karin tüddelt an ihrer Bauchtasche. „Alle Mann anschnallen. Es geht los!“. Kronberger startet den Motor und steuert den VW T5 Multivan auf die Landstraße nach Reutte.

Kronbergers kommen gerade aus dem Bergurlaub. Sie sind auf markierten Pfaden durch die Tiroler Alpen gewandert, auf zweispurigen Asphaltwegen durchs Lechtal geradelt, haben Eisenhut und Edelweiß fotografiert, sind über Weidezäune geklettert und durch Kuhherden geeilt. Zurück nach München reisen sie in ihrem VW T5 Multivan mit Common-Rail-Diesel. Und Rußpartikelfilter. Natürlich. Ohne Gute-Nacht-Paket, dafür aber mit manueller Klimaanlage und Stoßfängern in Wagenfarbe.

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Lutz Kronberger stopft die Verpackung des Energieriegels in die Tasche seiner khakifarbenen Cargohose. Die dunkelbraunen Haare sind kurz geschnitten, der grau-melierte Bart sorgfältig um den Mund rasiert. Auf seiner kantigen Nase klemmt eine randlose Brille.

Karin fährt sich durch die kinnlangen Haare in Straßenköterbraun. Der Wuschelkopf wirkt wie ein benutzter Vileda-Wischmop. Ihr Gesicht ist schmal, ausgemergelt von Körnern und bissfestem Gemüse. Über ihrer Jeans trägt sie ein sackartiges Oberteil. Aus Bio-Cotton und mit Alles-richtig-gemacht-Siegel, von Kinderhand geknüpft. „Ich muss noch 18 Bio-Arbeiten korrigieren“, seufzt sie, „und die Deutschstunde planen“.

Ina, 8, und Paul, 12, kauern auf den drehbaren Sitzen in zweiter Reihe. Früh haben sie begriffen, dass man in einem Gymnasiallehrerhaushalt besser den Mund hält, wenn man sich keine Vorträge anhören will. Während der Heimfahrt spielen sie auf ihren Smartphones und schreiben sich gegenseitig SMS. Ihr Weg, in Ruhe miteinander zu kommunizieren.

In München parkt Lutz den VW T5 Multivan in der Auffahrt vor dem schmalen Reihenhaus in Obermenzing. Das Häuschen ist mit Styroporplatten gedämmt und in blutrote Farbe getüncht. Alle vier Kronbergers stellen ihre Trekkingschuhe in die Abtropfschalen neben der Haustür und schleichen auf Socken über die aus Altkleidern hergestellten Fleckerlteppiche.

Die Esszimmerwände schimmern in Wattbraun. Unter dem Esstisch aus unbehandeltem Kiefernholz stehen vier Balans-Kniestühle. Für die Gäste gibt zwei Sitzbälle in Grün und Blau. „Noch ein Tee, dann wird geschlafen“, herrscht Kronberger seine stummen Kinder an. „Nein, ich will nichts hören! Morgen haben wir viel vor. Wir müssen noch die Transparente malen.“

Verkehrsbehinderung für die Umwelt

Freitags ist „Straßencafé“. Dann schleppen die Kronbergers ihre Gartenmöbel an die Straße, positionieren sie auf freien Parklücken und schlürfen, den stockenden Verkehr genießend, grünen Tee. Ihren umweltfreundlichen Diesel-Van haben sie versetzt am Straßenrand geparkt, damit der Verkehrsfluss der 30er-Zone möglichst effektiv gestört wird.

Nun zerren auch die Nachbarn Plastik-Rattanmöbel über den Gehsteig. Gemeinsam rollen sie Transparente aus und befestigen sie an der Thujenhecke. Darauf steht: „Schon mal über Car Sharing nachgedacht?“ und „Alternative Antriebe nutzen!“.

Die Nachbarskinder turnen zwischen parkenden Autos und springen wie unförmige Gummibälle auf die Straße. LKW zwängen sich durch den Parcours, Autos bremsen und beschleunigen. Zufrieden sitzen die Kronbergers auf ihrem Ikea-Möbel. Heute haben Sie mal wieder viel für den Umweltschutz getan.


Der VW T5 Multivan unser neunter Text in der mehrteiligen Reihe „Wer fährt eigentlich…?“

Welche Menschen fahren welches Auto? Und warum? Weil die Wahl des eigenen Autos von Beruf, Lebensabschnitt und dem eigenen Selbstbild abhängt. Wir alle passen in dieses Muster. Ich habe den Alltag auf deutschen Straßen beobachtet und porträtiere Menschen in und mit ihrem Fahrzeug – mal zugespitzt, mal melancholisch, aber immer mit einem Augenzwinkern.

Lest auch Teil 8 und Teil 7: Wer fährt eigentlich auf den Kiesplatz und Renault Twingo?


Illustration: © Cliv

Eure Katze

Techno Classica – Messe der Investoren

„Bitte gehen Sie weiter, Sie können sich hier nicht aufhalten. Das ist der Eingangsbereich.“ Eine Frau im Hosenanzug, mit verhermtem Gesicht und streng nach hinten gekämmten Haaren, scheucht uns von der Treppe, über die man zu Coys of Kensington gelangt. Das britische Auktionshaus versteigert auf der Techno Classica exotische Sportwagen. Personen ohne Siegelring, Seidenjackett und graues Haupthaar stören das Bild. Auch an den Exponaten, die vor dem Bereich des Auktionshauses stehen, können wir uns nicht länger als drei Minuten aufhalten, ohne herablassende Blicke zu ernten. Hier, in Halle 11, im Handelszentrum, steht ein Vermögen. Und dazwischen stehen die Silberrücken, die das bezahlen können.

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Das Rezept gegen die Traurigkeit

Büroarbeit erledige ich meistens mit meinem Kater. Puschkin, mein sechs Jahre alter Britisch Kurzhaar wartet das Faxgerät, kopiert Dokumente und ordnet Unterlagen. In seiner Freizeit spielt er gerne mit angenagten Kabelbindern, durchgebissenen Haarsieben oder seinem kleinen Audi Coupé. Nur nicht so wild. Denn Puschkin ist herzkrank. Sein Herz schlägt nicht so kräftig, wie es sollte. Auch wird es nicht so lange schlagen, wie das seiner Artgenossen. Und manchmal ist er melancholisch. Ihm fällt die Decke auf den Kopf. Dann kann ihn nicht einmal das Coupé begeistern. Auch nicht mit offener Motorhaube. Dann muss etwas größeres her. Zum Beispiel der Audi V8.

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Unglaublicher Fund in dänischer Scheune

Auf Dachböden, in Kellern und Scheunen auf der ganzen Welt schlummern Schätze und warten auf ihre Entdeckung. Durch einen Zufall entdeckte das dänische Auktionshaus Campen Auktioner nun auf der Insel Fünen mehr als 50 verstaubte Renaults. Manche sind nicht mehr fahrtüchtig, doch alle Fahrzeuge wurden sorgsam präpariert und gewachst. Am 20. März 2016 wird die komplette Sammlung versteigert.

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Text: Margret Meincken

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Gründerin und Chefredakteurin von V8-Kultur. Begeistert von altem Blech und legendären Verbrennungsmotoren, mit feinem Humor und leichter Melancholie. Lebt und arbeitet als freie Journalistin und Redakteurin in München und schreibt unter anderem für die Magazine Auto Bild Reisemobil und Auto Bild Klassik.
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