Die Ampel schaltet auf Grün. Sebastian tritt auf das knarzende Gaspedal und lässt die Kupplung kommen. Der Aston Martin ruckelt, hustet und verschluckt sich. Der Motor säuft ab. Einundzwanzig, zweiundzwanzig…. „Möööööööp“. Es dauert genau zwei Sekunden, bis in München der Hintermann die Hupe festhält, wenn Du nicht wie ein Bankräuber auf der Flucht von der Ampel losjagst. Diesmal ist es ein Herr Mitte 50 in einem VW Polo. Sebastian wischt sich Schweiß von der Stirn, dreht den Zündschlüssel um und streichelt das Gas mit dem Fuß. Hust. Spuck. Nichts. „Möööööööp“! Sebastian streckt die linke Hand aus dem Fenster und fordert den Polofahrer auf, an uns vorbeizufahren. Der möchte aber nicht. Der heiße Motor möchte auch nicht. Der dritte Versuch. Der DB6 hustet, spuckt und brüllt. Wrrrrrrroooaammmmm. Graue, grobstaubige Wolken explodieren aus den Auspuffrohren und hüllen den Polofahrer in einen Nebel aus Ruß, Öl und Sprit.

Wir preschen durch das oberbayerische Fünf-Seen-Land – in einem Aston Martin DB6 Vantage von 1966. Nein, es ist nicht der Aston Martin, den James Bond fuhr. Das war der DB5. Zugegeben, optisch unterscheiden sich die beiden Modelle kaum. Der DB6 Vantage wird angetrieben von einem Vier-Liter-Reihensechszylinder mit 325 PS. Das Coupé in British Racing Green hat vier Scheibenbremsen und zwei Tanks: 30 Liter rechts, 30 Liter links. Bei gemäßigter Fahrweise kommt man mit beiden Tanks 250 Kilometer weit. Aber wen interessiert das, wenn man mit dieser stimmgewaltigen Sportwagenlegende durch das herbstliche Voralpenland donnern kann? Eben. Wie viele Modelle vom DB6 tatsächlich gebaut wurden, ist unklar. Eine Quelle spricht von 1327 Stück, die andere von 1753. Zwei Dinge aber sind sicher: Heute existieren nur noch 50 Linkslenker weltweit. Und: Die Anzahl der in Deutschland lebenden DB6 ist einstellig.

Superleicht und durstig

Sebastian klammert sich an das Holzlenkrad. Er kämpft mit dem zweiten Gang, verliert und legt den dritten ein. Die Fliehkraft drückt mich in den Beifahrersitz. Es duftet nach altem Leder. Sprit- und Ölschwaden wabern durch den Innenraum. Die Lüftung bläst einen feinen Benzinnebel durch die Luftduschen, aus dem Kardantunnel dringt verbranntes Getriebeöl durch die Öffnung, in der der Schalthebel verschwindet. Am Armaturenbrett prangen dick verchromte Schalter und präzise eingefasste Smith-Rundinstrumente. Mit einem Rad lässt sich das vordere Dreiecksfenster verstellen. Für die Scheibe sind bereits elektrische Fensterheber an Bord, die besser funktionieren als die mancher Neuwagen. Ich spiele mit dem Kipphebel und stelle fest, dass meine zierlichen Finger bei der Geschwindigkeit, mit der das Fenster nach oben schnellt, kurz aber schmerzlos durchtrennt wären. Ich lasse es nicht auf einen Versuch ankommen.

Der Aston Martin DB6 ist eine Symbiose aus britischer Sportwagen-Technik und italienischem Design. Die Firma Touring in Mailand baute die Karosse nach dem Superleggera-Prinzip: Den tragenden Aufbau bildet ein Gitterrahmen, der unter anderem aus Aluminium und Magnesium besteht. Die Karosseriebleche aus Aluminium sind auf diesem Gitterrahmen befestigt. Mit 1,5 Tonnen Leergewicht ist der DB6 trotzdem alles andere als ‚superleicht‘. Der schwere Reihensechser verbrennt nicht nur Sprit in rauen Mengen, sondern genehmigt sich auch bis zu fünf Liter Öl auf 1000 km. Die drei Weber-Doppelvergaser sind nie optimal einzustellen, weshalb die Zündkerzen schnell verrußen. Die Kraftübertragung erfolgt wahlweise über eine Dreigangautomatik von Borg-Warner oder ein Fünfgangschaltgetriebe von ZF.

Unter 100.000 kriegen´se nur die Gurken

1996 kaufte Sebastians Vater den Aston Martin bei einem Händler im Ruhrpott, der verschiedene Modelle im Angebot hatte. „Unter 100.000 kriegen´se nur die Gurken“, stimmte der seinen Kunden auf ein möglichst lukratives Geschäft ein. Sebastians Vater entschied sich trotzdem für den DB6 Vantage für 80.000 DM und hat bis heute noch einmal so viel in Pflege, Instandhaltung und Reparaturen investiert. Eine „Gurke“ aber hat er nicht gekauft.

Die Seitenfenster sind halb geöffnet, die Dreiecksfenster ausgestellt. 27 Grad warmer Oktoberwind rauscht durch den beigen Innenraum und zerwühlt meine Haare. Der Motor dröhnt, die Insassen vibrieren. Wir lassen den Pilsensee hinter uns, biegen links ab und donnern über steile Serpentinen hinauf nach Andechs. Ich schließe die Augen und träume, ich säße im Blauen Enzian, mit dem ich als Kind auf dem Oktoberfest so gerne gefahren bin. Ein Blaupunkt-Radio mit einem Lautsprecher ist zwar an Bord, würde aber die Atmosphäre nur stören. Dieses Auto fährt man, um es zu hören und zu fahren. Nicht, um von A nach B zu kommen. Ich werde langsam high von den Benzinschwaden und grinse aus dem Fenster. An diesem Nachmittag sind wir frei, einfach frei. Viel brauchen wir nicht dafür. Es reichen handgedengeltes Blech, vier Räder und ein legendärer Verbrennungsmotor.

 

 

Text und Bilder: © Margret Meincken

Katze

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Gründerin und Chefredakteurin von V8-Kultur. Begeistert von altem Blech und legendären Verbrennungsmotoren, mit feinem Humor und leichter Melancholie. Lebt und arbeitet als freie Journalistin und Redakteurin in München und schreibt unter anderem für die Magazine Auto Bild Reisemobil und Auto Bild Klassik.
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