Die große Freiheit

Die große Freiheit

Kürzlich war in einer Studie zu lesen, dass das Auto für Jugendliche an Wichtigkeit verliere. Viel wichtiger als der Führerschein und das erste eigene Auto seien heute ein leistungsfähiges Smartphone und ein Tablet vom Obsthändler aus Cupertino. Die Prioritäten haben sich verschoben. Freiheit wird heute auf der Datenautobahn ausgelebt. Volljährige Großstädter stehen lieber in der U-Bahn als im Stau. Aber ist das KFZ tatsächlich nur ein Statussymbol?

Ich bin in Waldshut-Tiengen aufgewachsen, einer Kleinstadt am Hochrhein, an der Schweizer Grenze, im Nirgendwo. Die Infrastruktur schien damals noch nicht erfunden. Busse fuhren gar nicht oder nur einmal am Tag. Lebte man außerhalb des Ortes, blieben einem nur zwei Möglichkeiten: Entweder fuhr man mit dem Auto oder man ging zu Fuß. Da ich mit dem Auto aus rechtlichen Gründen erst mit 18 in die Schule fahren durfte, lief ich jeden Tag. Ich verließ das Haus um 7 Uhr und kämpfte mich mit den übrigen Kindern über eine 4 km lange Strecke durch Wind, Schnee und Regen. Freunde, die aus den Nachbardörfern kamen, sah man nur in der Schule. An nachmittägliche Besuche war nicht zu denken, wenn beide Eltern arbeiteten und nicht als Chauffeure der Kinder tätig waren. Und so sehnten wir uns den Führerschein herbei – den scheckkartenähnlichen Plastikausweis, der für uns nichts Geringeres als die große Freiheit bedeutete. Damals kostete der Führerschein im Schnitt 1.700 DM, das erste Auto bekam man entweder vererbt oder konnte es ab 500 DM käuflich erwerben – ein Jahr hielt es allemal.

Mein erstes Auto war ein Opel Corsa A. Ich erbte ihn von meinem schwerkranken Vater, der sich nicht mehr imstande sah, selbst zu fahren. Um dem Kleinwagen eine persönliche Note und meiner liberalen und toleranten politischen Einstellung Ausdruck zu verleihen, bemalte ich ihn mithilfe einer Schulfreundin. Alsbald war der Corsa in der Region bekannt wie ein bunter Hund und brachte mich am Schweizer Grenzübergang mehr als nur einmal in die Bredouille, da ein mit Blumen bemaltes Auto oftmals mit dem Besitz von Haschisch in Verbindung gebracht wurde. Natürlich wurde nie etwas gefunden – nicht, weil ich so einzigartige Verstecke kannte, sondern weil ich es tatsächlich jemals weder besessen noch konsumiert habe. Aber erzählt das mal deutschen Zöllnern. Mit meinem ersten eigenen Auto fühlte ich mich wie ein Cowgirl, das endlich die Möglichkeit hatte, alleine quer durch die Prärie zu reiten. Plötzlich konnte ich meine Freunde sehen, wann ich wollte. Wir konnten abends ausgehen und mussten nicht von irgendeiner genervten Mutter abgeholt werden. Wir hatten unsere eigenen Pferde. Wir waren frei.

Von diesem Zeitpunkt an konnte ich mir ein Leben ohne Auto nicht mehr vorstellen – auch in der Großstadt nicht. Meine Kindheit, die ich überwiegend laufend verlebte, hat mich geprägt und deutliche Spuren hinterlassen. Mit 19 verbrachte ich meinen ersten großen, eigenen Urlaub mit meinem Opel Corsa A in Schweden, wo er übrigens für viel Freude sorgte, weil die Schweden noch nie so kleines Autos gesehen hatten. Damals konnte ich nicht jede Tankstelle ansteuern, weil die schwedischen Zapfhähne nicht in die Tankstutzen deutscher Kleinwagen passten. Ich verlor meinen einzigen, nicht verstellbaren Außenspiegel, weil die skandinavischen Straßen aussehen wie zweispurige, idiotensichere Breitbahnen, aber eigentlich für undefinierbare Überholmanöver ausgelegt sind, bei denen bis zu vier Autos nebeneinander fahren können – rein theoretisch. Praktisch musste der Rückspiegel des Corsas dran glauben.

Wie Cowboys in ihre Planwagen packten wir unser Hab und Gut in unsere Autos, als wir die Heimat für unser Studium verlassen mussten. Wir besaßen nichts außer einer Reisetasche, ein paar Kisten mit Kleidung und ein altes Auto. Der treue Freund an unserer Seite – unser Ticket in die Freiheit. Wir plagten uns mit spröden Benzinleitungen, tiefentladenen Batterien und katastrophalen Bremsen. Wir transportierten 4 Meter lange Sofas, Vitrinenschränke und Betten. Wir besaßen bereits mit 18 Jahren eine ADAC-Mitgliedschaft, ohne die wir im Straßengraben elendig verendet wären. Wir fuhren bei sibirischer Kälte quer durch den Hochschwarzwald, weil wir Nigel Kennedy in Freiburg hören wollten – und erahnten den Weg bei mit Salz verschmierten Scheiben und zugefrorenen Waschdüsen. Wir ließen durchgerostete Auspuffrohre von Freunden zuschweißen und kauften Reifen bei Zigeunern in Hinterhofwerkstätten. Wir opferten den Kühler meines E-Kadett in einem Rennen gegen einen Golf 2. Wir gewannen das Rennen und verloren den Kühler. Wir überbrückten unsere Autos in alten, wackligen Duplex-Garagen und suchten im Licht eines Feuerzeugs nach den Batteriepolen.

Ich liebte jedes meiner Autos und baute zu jedem eine enge, persönliche Bindung auf. Ich hegte und pflegte meine Pferdchen im Stall, soweit es der studentische Geldbeutel zuließ. Wir hatten weder Smartphones noch iPads. Wir haben die Welt erobert und Erfahrungen gesammelt. Wir hatten eine verdammt geile Zeit. ;)

Und jetzt bin ich gespannt: Was war Euer erstes Auto? Und was habt Ihr damit erlebt?

Ich freue mich auf Eure Kommentare – hier auf V8-Kultur!
Eure Katze 

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4 Kommentare

  1. Jaja…ich hatte meinen Führerschein so 3 Wochen vor meinem 18. Geburtstag und wartete sehnsüchtig auf das erste Mal “richtig” fahren. Nicht zu vergessen, dass wir auf dem Land in der ersten Fahrstunde seltsamerweise schon ungefähr wussten, wie wir das Ding in Gang bekamen und was die Pedale so bedeuteten…. Warum nur?? :)
    Und der ADAC, so oft der Retter in der Not! Nicht zu vergessen den WG – Grill, den wir fürs Anwerben bekamen!! :D

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  2. Tja, mein erstes Auto war ein grauer VW Golf I mit 70 PS. Da musste man auf der Autobahn beim überholen immer Anlauf nehmen. Aber er war ein treuer Begleiter. Dann kam ein Audi 80 CC in helblau metalic. Der hatte einen 70 Liter Tank. Da konnte ich die 600 km zu meinen Eltern ohne Tankstop fahren. Leider musste ich das Automatikgetriebe tauschen lassen. Das war teuer!! Danach kam der erste Neuwagen. Ein blauer VW Vento GL. Mit dem neuen Wagen machte ich eine Reise nach Rügen. Muß 1992 kurz nach der Wende gewesen sein. Auf dem Rückweg mit der Fähre von Rostock über Trelleborg nach Travemünde. In Trelleborg wurde ich vom schwedische Zoll gefillzt. Ein junger Typ in einem neunen Auto der nur ein paar Stunden in Trellborg ist war wohl verdächtig. Trotz Einsatz eines Drogenhundes konnten die nicht vorhandenen Dorgen natürlich auch nicht gefunden werden. …

    Wenn man nur mal kurz zurück denkt fallen einem die dollsten Geschichten ein. War das Auto ein Statussymbol? Wie du schon sagst, es war für uns die große Freiheit zu fahren wohin man wollte. Bei den heutigen Benzinpreisen (heute 1,719 Euro = 3,36 DM pro Liter Super!!) ist Auto fahren eher “wieder” ein Statussymbol bzw. ein Luxusgut wie vor 50 oder 100 Jahren schon einmal. Wohl dem der nicht fahren “muß” sondern laufen oder Rad fahren kann. Womit wir wieder am Anfang der Geschichte wären.

    Nordische Grüße in den Süden der Republik

    Björn

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  3. So die Reihe an Autos, die man so besitzt in seinem Leben, ist schon lustig. Bei manchen ist es “gewollt”, d.h. man sucht speziell nach nem Auto und kauft das auch. Bei mir war es immer so ne Art “ÜberdenWeglaufen”: Der Peugeot 205 green mit dem fantastischen “Sonnendach” aber noch mit Choke, was ich ja aber vom Moped gewohnt war. Das war ein Inserat in der Zeitung, so ziemlich das erste, dass ich gelesen hatte.
    Dann der Kadett, der auf dem Hof der Werkstatt stand, die meinen Peugeot nach dem Unfall abgeschleppt hatte. Mit ihm verbinde ich die Abizeit, den Umzug und den Anfang des Studiums.
    Der Seat Ibiza war zufällig gerade nem Kollegen in die Hände gefallen, der Automech war und Autos zum weiterverkaufen aufmöbelte und musste für den durchgerosteten Kadett einspringen. Mit ihm habe ich am meisten durchgemacht, sowohl reparaturtechnisch und ADAC-mässig als auch Reisen (Spanien/Frankreich) wie auch Ref und erste Anstellung. So war ich auch recht traurig, als ihn dann im Alter von 16 Jahren, davon 7 mit mir, die Zylinderkopfdichtung dahinraffte.
    Der Toyota Corolla gehörte eigentlich meinem Bruder, doch da er einige Zeit eingemottet werden musste und mein Bruder danach fand, er braucht eigentlich kein Auto, hab ich ihn wieder flott machen lassen. Er war von allen “gebrauchten” Autos das zuverlässigste. Und vor allem dank meines Bruders, soundtechnisch top! Die Anlage vermiss ich schon arg…… :D Leider nicht unbedingt MFK – fähig und so wieder rückimportiert nach D!
    Und der Yaris jetzt ist mein erstes brandneues Auto, sicher gekauft als Reminiszenz an die guten Toyotaerfahrungen in der Familie….und der supergeilen Werkstatt!! :)

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  4. Moin,

    mein erstes Audi war ein Audi 100 in eisgrün. Es war das alte Auto meiner Eltern, über 200.000 km gelaufen und 11 Jahre alt. Sie haben sich ein neues gekauft, ich habe den alten bekommen.

    Kein Kat, etwa 750 DM Steuern pro Jahr und nur 75 PS für das große Schiff. Keiner meiner Kumpels hat’s kapiert, dass ich dieses Auto geliebt habe.

    Als erste Maßnahme habe ich auf die beiden vorderen Türen ein Logo einer großen Brauerei geklebt. Das war auch ein Freifahrtschein für allabendliche Polizeikontrollen, denn wer solche Aufkleber spazieren führt, scheint verdächtig.

    Leide habe ich den Audi mit Beginn des Studiums verkauft. Dafür könnte ich mich heute noch schlagen. In Deutschland ist er inzwischen nicht mehr zugelassen, ich hoffe dass er als Taxi in Afrika weiterlebt…

    Schöner Artikel von dir!

    Viele Grüße, Sven

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