Frauen sind in der männlich geprägten Motorsportwelt bis heute die Ausnahme. Doch seit Erfindung des Automobils hat es immer wieder Damen gegeben, die sich nicht um Konventionen scherten und ihrer Leidenschaft zur motorisierten Fortbewegung frönten. Eine der bekanntesten ist sicherlich Bertha Benz, die mit ihrem heimlichen Ausflug im Patent-Motorwagen von Mannheim nach Pforzheim die Automobilgeschichte erst so richtig auf Trab brachte. Die einzige ist sie aber bei Weitem nicht. Wir stellen auch schöne und schnelle Frauen vor, die nicht jeder kennt.

„A beautiful secretary with long legs and eyes like pools“ beschrieb Napier-Rennfahrer Selwyn Francis Edge Anfang des letzten Jahrhunderts seine Sekretärin Dorothy Levitt. Doch dieser war das Tippsen-Dasein bei der Napier Car Company nicht genug, sie zog es vielmehr auf die Straßen, und zwar mit schnellen Wagen. Zu Zeiten, wo die anständige Frau sich nicht nur körperlich in ein Korsett zu schnüren hatte, sondern auch den moralischen Zwängen einer patriarchischen, zuweilen chauvinistischen Gesellschaft unterlag, stellte Dorothy Geschwindigkeitsrekorde auf und brachte Königin Alexandra, der Gattin Eduards VII., das Autofahren bei.

1903 gewann die Britin als erste Frau auf einem Gladiator 12hp die Southport Speed Trials, 1907 wurde sie 14te von 161 Startern bei der Herkomer-Konkurrenz in Deutschland. Nebenbei betätigte sie sich als Journalistin und Fahrlehrerin. Ihr Buch „The Woman and the Car: A Chatty Little Handbook for all Women Who Motor or Who Want to Motor” erschien 1909 und half der ambitionierten Automobilistin bei technischen Problemen mit dem Motorwagen. Zündkerzen wechseln oder Bremsen nachstellen? Kein Problem mit Dorothys Handbuch!

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Siegerinnen am Berg und auf der Rundstrecke

Ernes Merck teilte die Leidenschaft für schnelle Wagen und waghalsige Rennen mit ihrem Mann. Die Gattin des Darmstädter Pharmaproduzenten fuhr ihm und der übrigen männlichen Konkurrenz mehr als einmal davon. So wurde sie 1926 in das Werksteam der Daimler-Benz AG berufen und gewann sogleich in der Mannschaft mit ihrem Mann Wilhelm und Willy Walb die Süddeutsche Tourenfahrt.

Die Presse feierte sie frenetisch. Dass sie in ihrer aktiven Zeit als Rennfahrerin – quasi nebenbei – noch zwei Söhne zur Welt brachte, fand in den damaligen Medien keine Erwähnung. 1927 musste sich Frau Merck beim berühmten Klausenrennen nur Rudolf Caracciola geschlagen geben und bezeichnete dies als ihren schönsten Sporterfolg.

Im gleichen Jahr holte die Tschechin Elisabeth Junek in einem Bugatti beim Großen Preis von Deutschland auf dem frisch eröffneten Nürburgring nach kräftezehrenden 18 Runden den Klassensieg. Ein Jahr später setzte sie bei der Targa Florio noch einen drauf. Nachdem sie ihre Führung durch einen Wasserpumpen- und Reifenschaden nach der zweiten Runde aufgeben musste, startete sie zu einer Aufholjagd und beendete als Fünfte das Rennen. Wochenlanges Studium der Schotterpisten-Strecke hatte sich da ausgezahlt.

Tiere machen schnell

Dass ein Job als Veterinärassistentin zum Rallyefahren prädestiniert, kann auch nur im weitläufigen Skandinavien passieren. Die Schwedin Ewy Jensson legte täglich mit ihrem Mercedes 170 S rund 200 Kilometer auf unwegsamen Straßen zurück, um die Tiere auf abgelegenen Höfen zu betreuen. Wenn die Kuh kalbte, kam es auf jede Minute an.

1956 begann sie, inzwischen verheiratete Rosqvist, mit dem Rallyefahren. 1962 fuhr sie bei Mercedes im Werksteam. Im gleichen Jahr holte sie mit ihrer Beifahrerin Ursula Wirth einen Start-Ziel-Sieg beim Großen Straßenpreis von Argentinien. Die beiden Frauen bewältigten die 4624 Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 127 km/h und drei Stunden Vorsprung auf den Rest des Feldes in ihrem Mercedes W 111!

Frauen geben Gas

Diese und alle weiteren Frauen, die in der Automobilgeschichte ihre Spuren hinterlassen haben, einte nicht nur die Freude am Fahren. Sie alle machten ein Stück den Weg frei für die Damen, die nach ihnen ins Volant griffen, um sportliche Meriten zu sammeln oder schlicht Spaß am Autofahren zu haben.

Für Erika Mann, Tochter des Schriftstellers Thomas Mann und Enfant terrible mit rasantem Fahrstil, galt es in den 1930er Jahren, „nicht nur für sich zu streiten und für das Auto, sondern gleich für den Ruf der Damen schlechthin“. Die Journalistin sammelte Kilometer und Strafzettel mit ihrem Ford und prangerte in ihren Texten die Diskriminierung der Autofahrerinnen an.

Spurensuche in der Central Garage

Auf Spurensuche nach außergewöhnlichen Frauen in der Automobil-Geschichte kann man sich in der aktuellen Ausstellung der Central Garage Bad Homburg begeben. Unter dem Motto „Frauen geben Gas“ kann der Besucher in das Leben von 13 Frauen eintauchen, deren Geschichten von den Kuratorinnen Uschi Kettenmann und Ursula Stiehler sorgfältig und liebevoll aufbereitet und mit ausgewählten Exponaten verfeinert wurden.

Daneben lässt sich durch originales Filmmaterial die Weltumrundung der Clärenore Stinnes nachempfinden, erfahren, warum Frau Ford ein Elektroauto den Fließbandprodukten ihres Mannes Henry vorzog, welche Kleidung die Automobilistin vor 100 Jahren chic und praktikabel fand, und der Frage nachgehen, ob es tatsächlich typische Frauenautos gibt, während die anwesenden vierrädrigen Zeitzeugen – vom Patent-Motorwagen des Herrn Benz bis zur Heckflosse der Ewy Rosqvist – ihre ganz persönlichen Geschichten erzählen.

Die Central Garage in Bad Homburg ist ein kleines, aber feines Automobilmuseum, das seine Heimat in einem ehemaligen Opel-Autohaus am Rande der Kurstadt Bad Homburg v.d.H. gefunden hat. Mit viel Idealismus und Engagement werden hier seit 2007 wechselnde Ausstellungen präsentiert. In nur sechs Monaten haben Uschi Kettenmann, Ursula Stiehler und Dieter Dressel die Lebensgeschichten der 13 Damen recherchiert, auf 35 Thementafeln untergebracht und die passenden Exponate organisiert.

„Die Ausstellung soll anregen, sich mit starken Frauen aus unserer automobilen Kulturgeschichte zu beschäftigen“, sagt Kulturanthropologin Stiehler. Schließlich seien diese Frauen Wegbereiterinnen für eine Susie Wolff oder eine Jutta Kleinschmidt, aber auch für alle anderen Frauen, die heute außerhalb des Motorsports völlig selbstverständlich zum Autoschlüssel greifen.

Der Wunsch der männlichen Mitglieder des Museumsvereins nach einer Bildtafel über die Nitribitt, die immerhin einen 190er SL fuhr, wurde übrigens von den Kuratorinnen nicht erhört. Wieso die Damen wohl dieser Meinung waren?

Central Garage in Bad Homburg

Die Central Garage in Bad Homburg ist geöffnet von Mittwoch bis Sonntag, jeweils 12:00 bis 16:30 Uhr. Die Ausstellung „Frauen geben Gas“ läuft noch bis Herbst 2017.

Eure Jutta

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Text und Bilder: Jutta Steinbrück-Weiß, Central Garage, Uschi Kettenmann

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Ihre Leidenschaft sind Pferdestärken – auf vier Beinen und vier Rädern. Und wenn ihre PS ihr gerade Zeit dafür lassen, fotografiert und schreibt sie gerne.
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