„Ich bin am frühen Abend wieder da.“ Wie leicht dieser Satz über die Lippen geht. Ich fahre ja nur 80 km weit. Mit meinem 24 Jahre alten Audi V8. Eigentlich ein zuverlässiger 24 Jahre alter Audi V8. Eigentlich. Denn die Heimfahrt von Kleinkötz nach München entwickelt sich zu einem Horrortrip.

Doch sie ist auch lehrreich. Ich habe gelernt, dass schräge Typen meist ein großes Herz haben. Ich habe gelernt, dass gute Freunde Retter und Pannenhelfer in einer Person sind. Und ich habe gelernt, dass die ADAC Plus-Mitgliedschaft überflüssig ist.

Für Ungeduldige

17.00 Uhr. Auf dem Weg von Kleinkötz nach München halte ich auf dem Autohof Burgau. Genauer gesagt auf dem EuroRastpark Jettingen-Scheppach. Ich fülle ein paar Liter Super in den gierigen Schlund, schleppe mich aus der drückenden Hitze in das kühle Tankstellengebäude und pflücke zwei Flaschen Mineralwasser aus dem Getränkeregal. Während ich bezahle, taucht hinter dem Kassierer eine Gestalt auf, vor der ich im ersten Moment leicht erschrecke. Ein sehendes und ein milchig-blindes Auge lächeln mich an. Im linken Ohr glänzt ein Goldring. „Django“ prangt auf dem Namensschild am roten Shell-Hemd. Ich lächle zurück. Und ahne nicht, dass ich Django bald wiedersehen werde.

Die Panne

17.15 Uhr. Wir schieben uns über die Autobahnauffahrt auf die A8. Unten rauscht ein gold-brauner Volvo 850 vorbei. „Ein 850er! Fahr schnell hinterher!“ Chris, inzwischen Volvo 850-Besitzer, liebt den alten Schweden. Ich schalte auf „S“ und latsche auf´s Gas. Der Dicke röhrt, dass die Sitze vibrieren. Fünf Sekunden später kreischt die Kühlwasserwarnung. Akuter Wassernotstand im Maschinenraum. Reflexartig reiße ich den Fuß vom Gas. Ein dunkelblaues Schild fliegt vorbei. 500 Meter bis zum nächsten Rastplatz. Ich blinke und gullere auf den Parkplatz „Scheppacher Flur“.

„Flur“ ist nicht übertrieben. Hier wächst nicht ein Baum, der Schatten spenden könnte. Der Audi V8 schleppt sich in eine Parkbucht und schwitzt. Ich öffne seine ragusagrüne Haube und stelle mit Entsetzen fest, dass kein Kühlwasser mehr im Behälter ist. Das ist jetzt unter dem Auto und verdampft auf 80 Grad heißem Asphalt. Chris und ich starren uns ratlos an. Dann fangen wir an zu suchen.

Wir sind zwei Kilometer weit gekommen. Auf dem Scheppacher Forst ist erst einmal Endstation.

Wo tritt das Wasser aus? Im Kopf rattere ich die typischen V8-Problemchen durch. Klick! Ich öffne die Beifahrertür und hebe die Fußmatte an. Volltreffer. Der dicke Schaumstoff hat sich bereits vollgesogen. Blutrotes Kühlwasser-Glykol-Gemisch drückt durch eine Öffnung in den Fußraum. Gleich unterhalb der Bordelektronik. Der Wärmetauscher ist geplatzt. Ich rufe Torsten an. Torsten, der einen ganz besonderen Draht zu meinem Dicken hat, seitdem ich mir Gedanken über Liebe und Trennung gemacht habe.

Wenn der Wärmetauscher zu ist, sucht sich das Kühlwasser neue Wege. Zum Beispiel in die Fußräume.
„Du kannst den Wärmetauscher abkoppeln. Schließ einfach die beiden Schläuche kurz“, rät der Retter aus Starnberg. Einfach ist schwierig ohne Bordwerkzeug und ohne Verbindungsstück. Ausgedörrt retten wir uns in den Schatten eines abgehalfterten rumänischen LKW mit gammlig-grauer Plane. Wir legen meine schon oft verspotteten Perserteppichimitat-Fußteppiche auf den ölfleckigen Asphalt und setzen uns im Schneidersitz darauf, als wollten wir davonfliegen. Ach – könnten wir doch nur. Denn die letzte Option – der ADAC – hilft uns auch nicht weiter.
Ich rufe den ADAC

Der erste Anruf. Eine junge Telefonistin zickt durch den Lautsprecher. Auf die vorsichtige Frage hin, ob ich jetzt noch eine ADAC-Plus-Mitgliedschaft abschließen könne, pampt sie: „Nein! Das wäre ja noch schöner. Erst den Schaden haben und dann versichern wollen!“ – „Aber, das ging doch früher auch“, stammle ich. Die Sonne ist gnadenlos. 60 Grad ohne Schatten. Immer noch keine Bäume im Scheppacher Flur. „Das ging noch nie!“ keift die Dame, die von meinen Beiträgen bezahlt wird. Dann bricht das Gespräch ab. Zufällig. Ich rufe ein zweites Mal an. Diesmal ist ein junger Mann am Telefon. Ich rechne mir Chancen aus. Mit meinem Restcharme will ich ihn von einem nachträglichen Abschluss einer Plus-Mitgliedschaft überzeugen. „Das machen wir nicht mehr“, schmunzelt er.

„Aber ich schicke Ihnen einen Pannenhelfer. Der kann das Fahrzeug notdürftig reparieren.“ Gute Idee. Ich freue mich auf einen Gelben Engel, mit Werkzeug und Schlauchstück. „Es kann aber zwei Stunden dauern. Heute ist die Hölle los.“ Es ist jetzt 18.00 Uhr. Vielleicht wird es bis 20.00 Uhr ein Grad kühler. Chris sinkt neben mir zusammen. Bleich und verschwitzt, mit schmutzigen Händen. „Hast Du noch Wasser?“ flüstert er. Die letzten Schlucke habe ich meinem V8 gegeben. Wie Überflüssig.

Um 18.30 Uhr scheppert ein gelber LKW auf den Scheppacher Flur. „Da ist der ADAC“, ruft Chris. Das kann nicht sein. Ich habe doch einen Pannenhelfer bestellt. Der Schlepper hält hinter meinem V8. Ein Mann mit schwarzen Shorts und Brille hüpft vom Führerhaus. „Ich soll ´nen alten Audi abschleppen?“, begrüßt er uns. Ich erkläre ihm, dass ich einen Pannenhelfer bestellt habe. „Keiner frei.“ Der Schlepperfahrer winkt ab.

Er will uns zur nächsten Werkstatt bringen. Ich weigere mich. Aus Erfahrung weiß ich, dass irgendeine Werkstatt meist keinen Audi V8 reparieren kann, geschweige denn den Wärmetauscher tauschen. Oder es kostet drölfzigtausend Euro. Und funktioniert danach erst nicht. Inzwischen fällt dem Schleppermann ein, dass er den Audi gar nicht mehr zu einer Werkstatt schleppen muss, weil um die Uhrzeit ohnehin keiner mehr arbeitet.

„Was kostet es, das Fahrzeug nach München zu transportieren?“ frage ich, inzwischen latent genervt. 440,00 Euro. Ich wäge die Alternativen ab. Dann nehme ich das Angebot an. Ich will nur nach Hause. MIT meinem Auto. Der Schlepperfahrer ruft andere Schlepperfahrer an, die meinen Audi V8 nach München schleppen sollen. Aber die wollen nicht. Einer ist gerade auf dem Weg nach Tübingen, der andere nimmt nicht ab. Vermutlich sitzt er gerade im Biergarten. Da stehen wir. Wie zwei ölverschmierte Schafe in der Steinwüste. „So, ich muss weiter. Wohin soll ich euch denn jetzt bringen?“, fragt der Schlepperfahrer. „Bring uns zurück zum Autohof Burgau, mehr fällt mir nicht mehr ein“, murmelt Chris.

Ich bin bereit, 440,00 Euro für den Transport nach München zu bezahlen. Aber auch das hilft mir nicht weiter.

Alles auf Anfang
19.00 Uhr. Wir manövrieren den Audi V8 auf die Ladefläche und klettern in das Führerhaus. Der Schlepperfahrer hat es eilig. Wir wenden und preschen auf der A8 zurück in Richtung Ulm. Ich verspreche, die Geschwindigkeit nicht zu verraten. Sie ist deutlich dreistellig. Der Audi V8 schwankt im Heckfenster und schlägt sämtliche Restflüssigkeiten zu Schaum. Mir wird übel. Ich weiß nicht, ob ich schreien, heulen oder kotzen soll. Da klingelt das iPhone. Torsten aus Starnberg. Der Retter. Seine Worte sind Balsam für die ADAC-geschundene Seele. „Wo seid ihr? Ich organisier´ nen Schlepper und hol´ euch!“
In Schräglage bretzeln wir durch die Autobahnausfahrt zum Autohof Burgau. Dann rollen wir auf den Parkplatz der Shell-Tankstelle, an der ich drei Stunden zuvor 30 Liter Super getankt habe. Der Schlepperfahrer lädt den alten Verbrenner auf einem der verwaisten Tesla Supercharger-Plätze ab. Die Seilwinde brummt, der V8 robbt rückwärts von der Ladefläche. Django kommt angerannt. „Das geht nicht, das Auto kann da nicht stehen!“ Die Plätze sind für die vielen Teslas, die da noch kommen werden.
Zurück auf dem Autohof Burgau wird der Audi V8 auf einem Tesla Supercharger-Platz abgestellt.
Als er mich wiedererkennt, lenkt er ein. „Ach so, das ist eurer. Na, der kann da schon stehen.“ Zwei Stunden wird der alte Kahn hier warten. In dieser Zeit wird kein einziger Tesla zum superchargen kommen. Dafür parkt mal eine Luden-Corvette mit Porno-Heckspoiler, mal ein altes Taxi mit verrußtem Heck und mal ein belgischer Touran mit verwirrtem Fahrer auf den Elektro-Plätzchen. Django verjagt sie alle. Regelmäßig stapft er um den V8, als wäre er mit der persönlichen Betreuung beauftragt worden.
Django hat alles getan, damit sich der Audi V8 auf dem Supercharger-Platz wohl fühlt.

Um 21.00 Uhr fliegt Torsten mit einem silbernen Transporter auf den Rasthof. Wir laden den Audi auf. Vier Stunden, nachdem wir hier getankt haben. Django verabschiedet sich. Sein blindes Auge versteckt er nun hinter einer schwarzen Sonnenbrille. Um seinen Hals baumeln ein Goldkreuz und ein goldener Delfin. Mit seinen dunklen Locken und der braungebrannten Haut wirkt er wie eine Piratenausgabe von Peter Maffay. Nur ohne Warzen. Ich bedanke mich für seine Unterstützung. „Das Auto gefällt mir“, schmunzelt Django und posiert für zwei Bilder, während Torsten den alten Boliden festzurrt.

Um 23.00 Uhr erreichen wir Starnberg. Nicht etwa, weil uns der ADAC weitergeholfen hätte. Sondern weil uns ein Freund geholt hat.

Um 23.00 Uhr erreichen wir Starnberg. Nach sechs Stunden - und ohne sinnvolle Hilfe vom ADAC.
Darum bringt die ADAC Plus-Mitgliedschaft nichts (mehr)
Unter Alt-Auto-Fahrern ist die ADAC-Plus-Mitgliedschaft sehr begehrt. Mit ihr kann man sein Auto wahlweise zum Wohnsitz oder zur Wunschwerkstatt transportieren lassen. Eine sinnvolle Einrichtung für Altblech- und Exoten-Fahrer.
Geläutert von dieser Odyssee, will ich endlich eine ADAC-Plus-Mitgliedschaft abschließen. Als ich das Kleingedruckte lese, finde ich Folgendes: Der ADAC hat zum 01.01.2014 klammheimlich seine Leistungen überarbeitet. Die wichtigste Änderung: Wer seine Plus-Mitgliedschaft nach dem 01.01.2014 abgeschlossen hat oder abschließen wird, hat keinen Anspruch auf den direkten Transport zum Wohnsitz oder zur Wunschwerkstatt.
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Da steht im Kleingedruckten

Dieser Bedingungstext ist gültig für Plus-Mitgliedschaften, die ab 01.01.2014 abgeschlossen wurden.
Haben Sie Ihren Vertrag früher abgeschlossen? Sie finden den für Sie gültigen Bedingungstext unter „Mein ADAC“, wenn Sie sich mit Ihrer Mitgliedsnummer und Ihrem Passwort eingeloggt haben.

§ 20 Fahrzeugtransport
(1) Ein geschütztes Fahrzeug ist im Geltungsbereich Europa aufgrund einer Panne oder eines Unfalls nicht mehr technisch fahrbereit. Der Schaden wurde durch eine Werkstatt festgestellt. Es liegt kein Totalschaden vor. Bei einem Schaden in Deutschland kann das geschützte Fahrzeug auch am Tag nach dem Schaden nicht wieder technisch fahrbereit gemacht werden. Bei einem Schaden im Ausland ist eine Instandsetzung im Umkreis von 50 km vom Schadenort innerhalb von 3 Werktagen – auch mit Ersatzteilversand nach § 22 – nicht durchführbar.

Nachzulesen auch hier unter Fahrzeugrücktransport (klickt auf „Die ausführliche Leistungsbeschreibung finden Sie hier“).

Im Klartext: Auch mit einer Plus-Mitgliedschaft wird das Fahrzeug erst einmal in eine nächstgelegene Werkstatt befördert. Stellt diese Werkstatt am nächsten Tag fest, dass sie euer Auto nicht reparieren kann, wird es – laut Leistungsbeschreibung – transportiert.

„Alte Plus-Mitglieder werden also zum Wohnsitz/zur Wunschwerkstatt gebracht. „Neue“ nicht. Aber beide zahlen den gleichen Beitrag. 

Glück für die, die ihre Plus-Mitgliedschaft VOR dem 01.01.2014 abgeschlossen haben. Für Exoten-Fahrer wie mich ist der Abschluss einer ADAC-Plus-Mitgliedschaft damit uninteressant geworden. Ich werde mich nach einer Alternative zum ADAC umsehen. Eine Alternative, die meinen alten Exoten entweder nach Hause oder zu einem Schrauber aus meinem Netzwerk bringt.

Was haben ACE, AvD, ACV oder JimDrive zu bieten?

Was habt ihr für Erfahrungen gemacht? Könnt ihr sinnvolle Alternativen zum ADAC empfehlen?

Haut in die Tasten – ich bin gespannt auf eure Kommentare!

Katze (immer noch ohne Heizung)


Text und Bilder: Margret Meincken

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Katze

Gründerin und Autorin von V8-Kultur. Begeistert von altem Blech und legendären Verbrennungsmotoren, lebt und arbeitet als freie Journalistin und Redakteurin in München, schreibt unter anderem für die Magazine Auto Bild Reisemobil und Auto Bild Klassik.
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