Wrooom, wrooom. Zwei Gasstöße. Der Boden bebt. Die Zuschauermenge weicht zurück. Jens Cooper hat sie zum Leben erweckt: Die Schwarze Witwe, jenen legendären Spezial-Tourenwagen der Gruppe 5 auf Basis eines 1968er Opel Rekord C, der nun grollend durch kurze, dicke Rohre atmet. Jutta sitzt neben ihm. Für uns berichtet sie exklusiv vom Oldtimer Grand Prix 2016 und schaut hinter die Kulissen von Opel Classic.

Vor fünf Jahren, als die Schwarze Witwe neu entstand, war Cooper die treibende Kraft, die ihr Leben einhauchte. Während wir zum Vorstart rollen (ja, ich sitze auf dem Platz, der mit „Copilot“ beschriftet ist!), erzählt er mir von Anatole Lapine, dem charismatischen GM-Designer, der 1965 von Detroit nach Rüsselsheim geschickt wird und dort trotz Motorsport-Verbot des Mutterkonzerns an einem 200 PS starken Renn-Rekord tüftelt, den er „Black Widow“ tauft.

„Alle Superhelden haben einen besonderen Namen“, erklärt Cooper die Intention des Chefdesigners. Die kennt er aus erster Hand. Er hat Lapine mehrfach in Baden-Baden besucht, als dieser schon lange im Ruhestand war, aber sich noch immer an jedes Detail der Schwarzen Witwe erinnerte.

Schnell, stark, schwarz – schüchterne Zurückhaltung gehört nicht zu den Attributen der Schwarzen Witwe von Opel.

Lapines Wissen und sein Ordner voller Bilder und technischer Dokumentationen, den er Jens Cooper überließ, ermöglichten den Neuaufbau. Denn: Das Originalfahrzeug ist verschollen. Seine Spur verliert sich nach dem letzten Einsatz bei einem Flugplatzrennen im österreichischen Tulln im Jahr 1969, bei dem Niki Lauda den Opel Rekord wenig begeistert – übrigens auch wenig erfolgreich – pilotierte. Es heißt, die Schwarze Witwe sei danach vom Hof ihres damaligen Besitzers, Kurt Bergmann aus Wien, gestohlen worden.

Ein Campari von Erich Bitter

Während die 6,5 Liter Motoröl beim Schlange stehen mit den anderen Opel-Boliden allmählich Betriebstemperatur erreichen, schaut ein drahtiger, älterer Herr mit verschmitztem Blick zum geöffneten Fahrerfenster herein: „Wenn Du wieder so langsam fährst wie im letzten Jahr, stelle ich Dir eine Flasche Campari ins Cockpit!“ Jens Cooper lacht. Erich Bitter, der die Schwarze Witwe 1968 mit schnellsten Rundenzeiten auf die Pole Position beim Saisonfinale in Hockenheim brachte, darf solche Scherze machen. Keiner fährt sie besser und schneller als er.

Opel-Mitarbeiter Jens Cooper an seinem Lieblingsplatz; das Lenkrad stammt aus einem Opel GT-Experimentalfahrzeug und war „übrig“.

Doch ihr Ziehvater ist viel zu besorgt um ihr Wohlergehen, als dass er sie an ihre Leistungsgrenzen bringt. Fast behutsam dreht er die Runden auf der Grand-Prix-Strecke. Und dennoch: Hier fühlt sie sich spürbar wohl, für die Rundstrecke wurde sie gemacht. Die Sprints auf der Start-Ziel-Geraden lassen keine Zweifel an ihrem Potenzial. Der Sound aus den zwei Endrohren, die jeweils hinter den Vorderrädern ins Freie bellen, begeistert mich trotz dämpfendem Helm.

So wie die technischen Optimierungen, die Anatole Lapine und seine Mitstreiter ersannen: Eine ausgeklügelte Anordnung des Lufteinlasskanals sorgt dafür, dass dem vorderen und dem hinteren Vergaser die gleiche Menge an Luft zugeführt wird, und eine x-förmige Stabilisatorkonstruktion zwischen Hinterachse und Rahmen verhindert eine zu starke Seitenneigung in den Kurven. Leuchtende Augen – bei mir und bei Jens Cooper.

Jutta ist Copilotin in der Schwarzen Witwe auf dem OGP 2016.

Opel-Motorsport-Geschichte hautnah

„Ein Bild der Schwarzen Witwe, klein wie eine Briefmarke, hat mich bereits in meiner Lehrzeit bei Opel fasziniert.“ Cooper, der sich selbst als „autoverrückt“ bezeichnet, musste bei seinem Chef kaum Überzeugungsarbeit leisten, um die Legende wieder auferstehen zu lassen. Nun bollert sie an der Mercedes-Tribüne vorbei im Pulk mit anderen Meilensteinen der Opel-Motorsport-Geschichte.

Neben uns lauert die „Gelbe Gefahr“, ein Opel Commodore A, am Steuer sein Besitzer Marco Wolf. In der Bilstein-Kurve zieht der 300 PS starke Sechszylinder röhrend an uns vorbei. „Steinmetz-Opel“ prangt auf dem Nummernschild. Ich bin im Epizentrum, spüre das Beben der Schwarzen Witwe, höre das Gebrüll der Gelben Gefahr, atme benzingeschwängerte Luft – wunderbar archaisch.

Ein bisschen finster schauen sie beide drein – die Gelbe Gefahr und die Schwarze Witwe – die Superhelden aus der wilden Zeit der Opel-Motorsport-Geschichte.

Klaus Steinmetz baute 1971 den gelben Boliden für Heinz Waidhofer auf, einem Privatrennfahrer und Bauunternehmer aus Erlangen, der seine Konkurrenz bei Berg- und Rundstreckenrennen mit dem schnellen Opel Commodore das Fürchten lehrte.

„Das war das neue Design für die Saison 1973, in der der Wagen dann aber gar nicht mehr zum Einsatz kam“, verrät Marco Wolf beim Gespräch in der Opel-Lounge über die etwas psychedelische Lackierung. Gelb-blau sei dieser zuvor an den Start gegangen.

Der letzte originale Steinmetz-Renner

Für Vater und Sohn Wolf, die eine freie Werkstatt betreiben und aus Familientradition heraus opelaffin sind, war dieser Commodore lange das Objekt der Begierde. „Er ist das einzige, noch vorhandene unrestaurierte Original aus der Steinmetz-Tuningschmiede“, beschreibt Wolf seine Faszination für dieses Fahrzeug.

2009 gelang der Kauf aus den Händen eines Sammlers. „Seit seinem letzten Renneinsatz 1972 hat er quasi nur gestanden, von ein paar wenigen Opeltreffen abgesehen.“ Marco Wolf hat die komplette Historie des Renners in einem dicken Aktenordner zusammengetragen. Akribisch gesammelte Ergebnislisten, Rechnungen und Fotos aus dem Familienalbum der Waidhofers erzählen lückenlos seine Geschichte.

Commodore-Besitzer Marco Wolf und seine Frau Nicole präsentieren einen Ordner voller Zeitdokumente über den Lebenslauf der Gelben Gefahr.

„Die 1600 km auf dem Tacho sind echt. Deswegen ist er auch in so einem unverbrauchten Zustand. Wir haben lediglich die Bremsanlage überholt und ein paar frische Reifen aufgezogen. Selbst die Spritleitungen und die Stoßdämpfer stammen noch aus 1972.“ Ungeschweißt und angriffslustig blickt der Commodore aus seinen rot umrandeten Scheinwerfern, als wäre er jetzt bereit, seine vor 45 Jahren begonnene Rennkarriere fortsetzen.

Doch Marco Wolf schont den Wagen, um den einmaligen Zustand möglichst lange zu erhalten. „Wenn Opel uns zum OGP auf den Nürburgring einlädt, dann kommen wir natürlich gerne. Ansonsten sind wir mit dem Commodore wenig unterwegs“, gibt er zu. Sogar im Fahrerlager hat er immer ein wachsames Auge auf seinen Renner. Neugierige Blicke sind erlaubt, anfassen dagegen nicht.

Rustikal-Tuning für Fortgeschrittene

Wenn die Haube geöffnet ist, drängt sich das Publikum um den Motor mit dem Querstromzylinderkopf. „Den haben wir von Gerent Rennsporttechnik nachgießen lassen, denn er fehlte beim Kauf, offensichtlich geklaut“, erläutert Wolf. Damit der neue Kopf besser zum alten Block passt, haben die Wolfs nach jedem Werkstatt-Tag ihre Hände daran abgewischt. „Jetzt hat er die richtige Patina.“ Wolf grinst.

Offene Haube – Menschentraube! Alle wollen das Herz der Gelben Gefahr sehen, den von Klaus Steinmetz getunten Sechszylinder mit Querstromkopf, der sich für einen verbesserten Schwerpunkt tief in den Motorraum duckt.

Drei Weber-Doppelvergaser, Trockensumpfschmierung und Watt-Hinterachsgestänge sind weitere Besonderheiten, die Steinmetz seiner Gelben Gefahr verpasste. An anderen Stellen war er beim Tuning etwas rustikaler unterwegs. Marco Wolf zeigt auf die Käfigverschraubung am Fußboden, an der man nachträglich außen herum den Teppich weggeschnitten hat, und das grob mit dem Hammer nach innen geschlagene Bodenblech, damit die Ölleitungen drunter passen. „Andere Tuner hätten das eleganter gemacht.“

Mag sein. Doch ist es gerade das Hemdsärmelige, was die alten Opel-Boliden so besonders macht.

Galerie


Text und Bilder: Jutta Steinbrück-Weiß

Vervielfältigung (auch von Textauszügen, einzelnen Bildern usw.) immer mit Verweis auf V8-Kultur und nur nach vorheriger Genehmigung!

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