Ein Kotflügel, so wohlgeformt wie die Rundungen eines Vollweibs. Dieter ist sofort verknallt. Aus diesem Kotflügel lässt sich was machen, das fühlt er. Denn eigentlich ist der alte Chrysler ein Wrack. Zustand 6, vielleicht schlechter. Es ist 1991. Dieter ist 25 Jahre alt und besessen davon, nicht nur den Kotflügel, sondern auch den Rest des Fahrzeugs zu kaufen. Der Händler sträubt sich. Er will den Schrott noch ein wenig reifen lassen. Hofft, dass sein Wert in ein paar Jahren steigt. Doch Dieter ist zäh. Drei Jahre lang belagert er den Verkäufer. Und als der plötzlich finanzielle Probleme hat, geht der Chrysler Royal C34 schließlich für 12.000 DM über den Tisch.

Vom Wrack zum Kultmobil – die Wiederauferstehung

Von der Historie des Fahrzeugs sind nur Fragmente bekannt. Dieters Chrysler Royal C34 stammt aus dem Jahr 1942 und ist einer der letzten von insgesamt 479 Stück. Im Frühjahr 1942 erreichte der Zweite Weltkrieg die USA. Chrysler stoppte die Fahrzeugproduktion und konzentrierte sich ganz auf die Rüstungsindustrie.

Im Bug des Chrysler Coupés werkelte ursprünglich ein Reihensechszylinder mit Seitenventilsteuerung von Spitfire. Bereits in den späten 1950ern mutierte der Royal C34 zum Rennwagen. Er erhielt einen Small Block von Chevrolet und ein vollautomatisches Getriebe, ebenfalls von GM. Um das Gesamtgewicht zu reduzieren, wurden sämtliche überflüssigen Teile rausgerissen, in den Innenraum ein Käfig gequetscht. Dann fuhr er Rennen. Bis zum Exitus. Und in diesem Zustand kauerte er 1991 im Verkaufsraum des deutschen Händlers.

Dieter erkennt das Potenzial des alten Coupés und möchte aus seinem Chrylser Royal C34 ein echtes Kultmobil machen. Mission erfüllt.

Dieter erkennt das Potenzial des alten Coupés und möchte aus seinem Chrylser Royal C34 ein echtes Kultmobil machen. Mission erfüllt.

Dieter sieht das Potenzial. Er wühlt in den Hot-Rod-Magazinen der 1990er-Jahre und lässt sich von Rock´n´Roller-Kultfilm ‚American Graffiti‘ inspirieren. Sein Plan: Der Bau eines schnellen Kultmobils, mit Straßenzulassung und H-Kennzeichen. Doch die Umsetzung dauert. Der gelernte Fluggerätmechaniker und Feinmechanikermeister tüftelt 15 Jahre an dem Coupé und buttert insgesamt über 95.000 EUR rein. 2011 dann war der Royal endlich fahrbereit. Innerhalb eines weiteren Jahres erhielt er die Straßenzulassung und ein H-Kennzeichen.

Chrysler Royal C34 mit 550 PS und Suicide Doors

Auf dem Treffen in Jesenwang 2015 lehnt Dieter an seinem monströsen Chrysler Coupé wie Captain Ahab an einem Buckelwal. Nur dass Dieter nicht winkt, sondern isst. Er wartet, dass ihn jemand auf sein Monstrum anspricht. Doch keiner traut sich. Keiner kann das Auto zuordnen. Keiner möchte seine Unwissenheit entblößen. Zugegeben: Leicht ist es nicht. An den Kotflügeln pappt der Chromschriftzug „Royal“, am Armaturenbrett prangen Miele-Blechschilder und Opel Kapitän-Embleme. Auch wir sind verwirrt. Aber trauen uns zu fragen. Und als die Menge merkt, dass dieses Coupé etwas Außergewöhnliches sein könnte, drängt sie plötzlich um das Auto, tatscht die Scheiben an und befingert das makellose Blechkleid in Araber-Grau.

Dieter lehnt an seinem Chrysler Coupé C34 wie Captain Ahab an einem Buckelwal, nur dass er nicht winkt, sondern isst.

Dieter lehnt an seinem Chrysler Coupé C34 wie Captain Ahab an einem Buckelwal, nur dass er nicht winkt, sondern isst.

„Da is´ ein modifizierter Chevrolet Small Block aus dem Opel Diplomat drin“, nuschelt er und kaut auf seinem Butterbrot. „550 PS. Is´nen Front-Mittelmotor, der durch die Erweiterung der Stirnwand hinter die Vorderachse gewandert ist.“ Das sei besser für Schwerpunkt und Fahrsicherheit. Die Kraftübertragung erfolgt über ein Fünf-Gang-Automatik-Getriebe von GM. Das Fahrwerk ist überarbeitet, der Vorderachsaufbau stammt aus einem 1976er Camaro, die Hinterachse wiederum von GM. Der Spruch ‚Probleme mit der Ersatzteilversorgung‘, den Youngtimer-Fahrer mantramäßig vor sich her beten, ist in Dieters Wortschatz nicht enthalten. Die ausladenden Türen sind hinten angeschlagen und die hinteren Kotflügel um je 20 cm in die Breite gewachsen.

Im Bug des Chrysler Royal C34 stampft ein Chevrolet Small Block Front-Mittelmotor mit 550 PS und Edelbrock-Vergaser.

Im Bug des Chrysler Royal C34 stampft ein Chevrolet Small Block Front-Mittelmotor mit 550 PS und Edelbrock-Vergaser.

Porno im Innenraum

Die beiden Opel GT-Sitze sowie die verkürzte Rückbank sind mit feinstem rotem BMW-Leder überzogen. Der überdimensionierte Wählhebel ist einzig der Optik wegen so lang. Der Käfig wurde zurückgerüstet auf einen Überrollbügel und ist damit H-Kennzeichen-konform. Zierblenden, Armaturen und das Lenkrad stammen aus einem Opel Kapitän. „Da waren noch Teile übrig.“ Dieter grinst. Denn eigentlich ist er ja leidenschaftlicher Kapitän-Schrauber.

 

Im Innern des Chrysler Royal C34 sind sowohl die Opel GT-Sitze als auch die verkürzte Rücksitzbank mit feinstem BMW-Leder überzogen.

Im Innern des Chrysler Royal C34 sind sowohl die Opel GT-Sitze als auch die verkürzte Rücksitzbank mit feinstem BMW-Leder überzogen.

 

Armaturen, Zierblenden und das Lenkrad stammen aus einem Opel Kapitän.

Armaturen, Zierblenden und das Lenkrad stammen aus einem Opel Kapitän.

Bereits mit 17 Jahren restaurierte er seinen ersten Opel. Er hatte sie alle, von Kapitän über Admiral bis hin zum Diplomat V8. Sein nächstes Projekt ist ein Dragster auf Basis eines Schlüsselloch-Kapitäns, Baujahr 1958, mit dem er Achtel- und Viertelmeilerennen fahren will. Und deshalb steht der Chrysler C34 Royal zum Verkauf. Für 90.000 EUR.

Bei ernsthaftem Interesse wendet euch bitte an mich. Ich stelle gerne den Kontakt her.

Katze

Katze

Gründerin und Autorin von V8-Kultur. Begeistert von altem Blech und legendären Verbrennungsmotoren, lebt und arbeitet als freie Journalistin und Redakteurin in München, schreibt unter anderem für die Magazine Auto Bild Reisemobil und Auto Bild Klassik.
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