„Bitte gehen Sie weiter, Sie können sich hier nicht aufhalten. Das ist der Eingangsbereich.“ Eine Frau im Hosenanzug, mit verhärmtem Gesicht und streng nach hinten gekämmten Haaren, scheucht uns von der Treppe, über die man zu Coys of Kensington gelangt. Das britische Auktionshaus versteigert auf der Techno Classica exotische Sportwagen. Personen ohne Siegelring, Seidenjackett und graues Haupthaar stören das Bild. Auch an den Exponaten, die vor dem Bereich des Auktionshauses stehen, können wir uns nicht länger als drei Minuten aufhalten, ohne herablassende Blicke zu ernten. Hier, in Halle 11, im Handelszentrum, steht ein Vermögen. Und dazwischen stehen die Silberrücken, die das bezahlen können.

Auf der Techno Classica in Essen gibt es von zwei Dingen zu viel: Porsche und alte Männer mit Geld. Hier stehen Wertanlagen, keine Autos. Die Geschichte, die Patina, die Gefühle, die altes Blech bei einem Liebhaber auslöst, bleiben auf der Strecke. Am Porsche-Stand stecken Männer mit dunkelblauen Polohemden, das Porsche-Logo auf der Brust, der Porsche-Schriftzug im hochgeklappten Kragen, die hipp frisierten Köpfe in ausgestellte Fahrzeuge. Ihre Frauen starren Löcher ins Blech und wechseln alle 30 Sekunden das Standbein, das in einem High Heel klemmt. Das Porsche-Phänomen zeigt, wie Preise künstlich nach oben getrieben werden. Marktbeobachter und Gutachter verraten, dass der 911er hier gut 25 % über dem Marktwert gehandelt wird. Kein lohnendes Geschäft für den Käufer. Und doch scheint die Porschebesessenheit noch größer als die Jahre zuvor.

Die Aussteller – von enttäuschend bis extravagant

Gemäß dem Motto „Nach oben offen“ stellt Audi Cabriolets und Roadster aus. Anlass war das 80-jährige Jubiläum der Roadster-Linie der Auto Union. Auf der Fläche verlieren sich unter anderem ein Audi Front 225 Roadster (ein originalgetreuer Nachbau), ein Wanderer W 25 K, ein Audi 100 LS Cabriolet, ein Audi Cabriolet (das Audi mit ‚Audi 80 Cabriolet‘ beschriftet hat) und ein Audi TT Roadster. Dazwischen kauern drei NSU-Motorräder. Publikum hält sich hier kaum auf. Es hat sich herumgesprochen, dass Audi kein großes Interesse an der Young- und Oldtimerszene hat. Das ist auch auf der Messe immer wieder ein Thema. Immerhin erfüllt Audi sein Motto: Was die Zufriedenheit der Alt-Audi-Fahrer, die Kundenbindung und die Teileversorgung angeht, ist die Messlatte „nach oben offen“.

Leichenschauhausatmosphäre bei BMW. Die Bayerischen Motorenwerke belegen die gesamte Halle 12 und zeigen wunderschöne Youngtimer und Oldtimer. Mit im Gepäck sind die Coupé-Legenden 6er, 8er, 3.0 CSi und der Z1 sowie begehrenswerte Sportlimousinen und unterschiedliche Modelle von MINI. Die Exponate schlummern in so kaltem Weiß, dass man bald wieder das Weite sucht. Dennoch stehen hier die schönsten Exponate eines deutschen Herstellers, die vor allem auch Youngtimer-Fans begeistern.

Emotional wird es bei Ford, Skoda und Opel. Ford zeigt, gemeinsam mit 15 Clubs, zwei Ford GT 40 aus Privatbesitz, einen Ford RS200 Evolution mit 4-Zylinder Turbomotor von Cosworth und einige Modelle aus der Transit-Geschichte. Skoda feiert die Firmengründung vor 120 Jahren, 110 Jahre Automobilbau und 40 Jahre Skoda 130 RS. RS-Modelle aus den 70er- und 80er-Jahren lauern auf dem Stand, bereit für ein allerletztes Rennen. Sie verdeutlichen, wie schade es ist, wenn eine Traditionsmarke unter der Käseglocke von VW verschwindet.

Opel legt den Schwerpunkt auf Designstudien: Nebem dem Opel GT posieren die Studien GTC und GT-W Genève, hinter dem Opel Diplomat A Coupé ducken sich zwei Styling-Studien des CD. Sie wirken wie Wesen aus einer anderen Dimension. Fast unhörbar flüstern sie, wohin die Reise für Opel hätte gehen können. War Opel in den 1970er Jahren zu innovativ, zu experimentell? Wurden sie von General Motors ausgebremst? Wie hätte sich das Unternehmen entwickelt, wenn es mehr Sportwagen als Lehrerautos gebaut hätte? Spannend wäre es allemal gewesen.

Zwischen Geldadel und Pöbel

Während sich der Geldadel an überteuerten Angeboten ergötzt, wühlt der Pöbel in den Ersatzteilhallen. Liebhaber graben auf Wühltischen nach Scheinwerfern und Blinkergläsern, Schläuchen und Dichtungen, Schaltern und Radios aller Epochen. Restaurateure aus ganz Europa demonstrieren ihr Handwerk, Fans blättern versonnen in Ordnern, in die Originalprospekte, Reparaturanleitungen und Werbeplakate geheftet sind.

Und während sich die ergraute Haute-Volée um Porsche, Mercedes und Jaguar drängt, staunt das Fußvolk draußen: auf insgesamt vier Freiflächen bieten Händler und Privatanbieter Fahrzeuge zum Verkauf an. Hier findet man Besonderheiten wie einen Ibex, einen Käfer von Albar oder auch einen Opel Senator 4×4, der vom britischen Militär auf Allradantrieb umgerüstet wurde. Über die Außenbereiche weht ein Hauch von Kiesplatz, vermengt mit Tuner-Latein und Superbenzin. V8-Motoren werden angeschmissen, Geschichten erzählt, Autos bestaunt und angefasst.

Wenn Liebhaberstücke zur Geldanlage werden

Auf der Techno Classica 2015 stehen keine Liebhaberstücke, sondern Geldanlagen. Seit die Banken keine Zinsen mehr zahlen, wird in Autos gemacht. Investoren treiben die Preise nach oben. Es bleibt abzuwarten, ob diese Blase platzt. Kaufen können hier nur die Silberrücken. Der Angestellte mit Durchschnittsgehalt kann in das Oldtimer-Segment kaum noch einsteigen. Erhaltenswerte Youngtimer werden von den meisten Ausstellern vernachlässigt. Gerade hier könnte der Nachwuchs heranwachsen. Wenn er nicht vorher vergrault wird.

Und doch werde ich nächstes Jahr wiederkommen. Denn auch auf der Techno Classica habe ich nach insgesamt 13 km Gehleistung das ein oder andere Juwel entdeckt, das es zu bestaunen lohnt und von dem ich in den nächsten Tagen noch berichten werden.

Bleibt dran,

Eure Katze

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Katze

Katze

Gründerin und Chefredakteurin von V8-Kultur. Begeistert von altem Blech und legendären Verbrennungsmotoren, mit feinem Humor und leichter Melancholie. Lebt und arbeitet als freie Journalistin und Redakteurin in München und schreibt unter anderem für die Magazine Auto Bild Reisemobil und Auto Bild Klassik.
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