Dass ein optisch guter Zustand nicht auf eine einwandfreie Technik schließen lässt, muss Sven auf schmerzliche Weise erfahren. Er wünscht sich einen Neuanfang nach vielen Tiefschlägen. Neues Glück, neues Leben, neues Auto. Ein Audi V8 soll es sein. Nach kurzer Suche befinden sich zwei Exemplare in der engeren Auswahl: ein Audi V8 3.6 in Heilbronn mit echten 265.000 km, einem vollen Checkheft, ohne Reparaturstau, dafür aber mit optischen Mängeln sowie ein Audi V8 in Fürstenfeldbruck mit angeblichen 155.000 km, einem lückenhaften Checkheft und ohne TÜV, dafür aber optisch ganz nett. Abgeschreckt von den optischen Mängeln und der Laufleistung des Heilbronners, fährt Sven nach Fürstenfeldbruck, um das Objekt der Begierde näher zu betrachten. Der Audi V8 steht bei dem Autohändler Brezlhuber (Name v. d. Redaktion geändert). Sven ist begeistert von der Optik, akzeptiert, dass er den Wagen nicht probefahren kann (Batterie nicht angeschlossen, gerade keine roten Nummern da, Auto eingeparkt, was soll ich sagen, man kennt die Ausreden der Händler…) und sagt den Kauf per Handschlag zu.

Überglücklich zu Hause angekommen, bittet er seinen Kumpel Alex (Name v. d. Redaktion geändert), den Wagen ebenfalls anzusehen und zu fahren. Alex dreht eine Runde mit dem V8 und berichtet anschließend von laut brummenden Antriebsgeräuschen aus dem Kardantunnel. Sven gerät ins Grübeln und telefoniert mit dem Händler. Brezlhuber bietet an, sich das Auto genauer anzusehen und räumt ein, dass das Mittellager der Kardanwelle defekt sei. Sven verhandelt erneut und sagt den Kauf – diesmal am Telefon – für 2700 EUR zu. Doch die anfängliche Freude weicht einem mulmigen Gefühl. Hat er wirklich einen guten V8 gekauft, der „nur“ ein defektes Kardanwellenlager hat?

Am Tag der Abholung verstärken sich seine Zweifel. Er gesteht, dass er gerne von dem Kaufvertrag zurücktreten würde, wenn dazu noch die Möglichkeit bestünde. Ich biete ihm an, gemeinsam mit Chris nach Fürstenfeldbruck zu fahren, um das Auto noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn: Finden sich weitere erhebliche Mängel, die der Händler nicht angegeben hat, ist ein Rücktritt tatsächlich möglich. Als Chris und ich in dem tristen Industriegebiet von Fürstenfeldbruck ankommen, stehen Sven und sein Vater Rolf bereits vor der geöffneten Haube des V8. Händler Brezlhuber schleicht mit muffigem Gesicht über seinen ansonsten menschenleeren Verkaufsplatz und erteilt Mutter und Tochter Brezlhuber Instruktionen. Mit dem ersten Blick in den Motorraum stellen wir fest, dass die Motorlager ihren Geist aufgegeben haben. Der gesamte Motor hat sich abgesenkt und neigt sich bedenklich zur Fahrerseite. Ein zweiter, etwas tiefergehender Blick offenbart ein siffendes Lenkgetriebe, korrodierte Leitungen und einen schwitzenden Motor.

Wir bestehen auf eine Probefahrt. Bereits auf den ersten Metern informiert uns ein empört piependes Kombiinstrument über den defekten Bremskraftverstärker, was unmittelbar danach auch beim Bremsen zu spüren ist. Mit dem Beschleunigen wird die Kardanwelle so laut, dass eine Unterhaltung im Fond kaum möglich ist. So sehr man das Gaspedal auch durchdrückt, ziehen mag der V8 nicht mehr. Der Kickdown-Schalter hat längst seinen Dienst quittiert. Chris lenkt die technische Großbaustelle kopfschüttelnd zurück auf den Hof des Händlers und rät Sven dringend vom Kauf ab, während sich dieser immer noch an der schönen Optik erfreut. Wir gehen um das Auto herum, entdecken festgeschweißte Türmuttern und aufgequollene, vermooste Dichtungen im Schiebedach, die uns beim Öffnen des Daches wie halbgare Spaghetti auf den Kopf fallen. An Vorder- und Hinterachse sind Räder mit unterschiedlichen Reifengrößen montiert, die eventuell die Schäden an der Kardanwelle erklären.

Und weil wir immer noch nicht genug haben von der Horror Show, möchten wir den V8 gerne auch von unten genauer betrachten. Familie Brezlhuber diskutiert und scheint von der Idee nicht sonderlich angetan. Stur bestehen wir auf die Hebebühne, bis die Tochter des Hauses den Audi V8 schließlich in die Werkstatt fährt. Auch von unten offenbaren sich diverse Standschäden. Sämtliche Achslager, Bremsen, sowie die Sturzstreben hinten müssen ersetzt werden. Hilfsrahmen und Achsträger sind stark angerostet und könnten dem TÜV unangenehm ins Auge fallen. Chris rät Sven zum zweiten Mal vom Kauf ab und listet sämtliche Mängel auf, die ihm allein bei nur einmaligen Durchgehen auffallen. Der Händler pöbelt herum, dass das nun mal kein Neuwagen mehr sei. Chris erklärt Brezlhuber in ruhigem Ton, dass das bekannt, dieses Auto jedoch jenseits von Gut und Böse sei. Allein die Ersatzteile übersteigen den Verkaufspreis um ein Vielfaches. Das Gezeter des Händlers wird cholerischer. „Den Kackeimer kannst Du für den Preis nicht mehr verkaufen“ schmunzelt Chris. Brezlhuber springt wie ein Rumpelstilzchen auf ihn zu, brüllt mit krächzender Stimme: „Hausverbot! Du hast Hausverbot!“ und packt ihn am Arm. Chris schüttelt sich los und rät ihm eindringlich, besser nicht handgreiflich zu werden. Brezlhuber schreit seine völlig versteinerte Frau an, sofort die Polizei zu rufen. Diese scheint allerdings vor der Hebebühne in eine Art Dornröschenschlaf gefallen zu sein, während ein Mechaniker uninteressiert in einer Ecke der Werkstatt herumkruschtelt. Vermutlich kennen beide die cholerischen Anfälle des Chefs und verfügen über eine Art eingebauten Restlichtverstärker, der nur sinnvolle Informationen durchlässt. Chris und ich verlassen den Hof, um weiteren Ärger zu vermeiden.

Bei windigen zwei Grad und sanft vom Himmel regnender Nebelnässe warten wir auf der Straße auf die anderen. Während sich Alex kopfschüttelnd zu uns gesellt, wird Sven von Brezlhuber in der Werkstatt weiter unter Druck gesetzt. Der Händler droht mit Anwalt, Gerichtsprozessen und Standgebühren. Leichenblass trottet Sven aus der Werkstatt über den Hof in unsere Richtung. Ich kann sein zerfetztes Nervenkostüm förmlich im Wind flattern sehen. Er fürchtet zahllose Schreiben von Anwälten und einen wochenlangen Rechtsstreit, der ihn teurer zu stehen kommen kann als der Eimer, der gerade auf der Hebebühne hängt. Zerknirscht beschließt er, das Auto zu nehmen und, trotz mangelnder Verkehrssicherheit, damit nach Hause zu fahren. Wie ich einen Tag später erfahre, hat auf den letzten Metern seines Heimwegs auch noch das Kombiinstrument seinen Geist aufgegeben.

Die Neuanschaffung sollte Sven neue Energie schenken. Was nun in seiner Garage steht, ist jedoch erst einmal eine Belastung. Aber es wäre zu einfach zu sagen: „Und die Moral von der Geschicht? Kaufe blind ein Auto nicht!“. Wir waren alle schon einmal in einer Situation, in der wir uns sehnlichst etwas Neues gewünscht haben, einen Tapetenwechsel, einen geilen Schlitten. Wir alle haben uns schon einmal an einem Modell festgebissen und ließen uns nicht belehren. Diese Geschichte zeigt mehr als deutlich, dass eine halbwegs intakte Optik nichts, aber auch wirklich gar nichts mit dem Gesamtzustand eines Fahrzeugs zu tun hat. Doch jetzt ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Und V8-Kultur hat beschlossen, dem Sorgenkind eine Chance zu geben. Gemeinsam unterstützen wir Sven bei der, nun ja, Komplettrestauration 😉

Und weil ein Sorgenkind einen Namen tragen muss, möchten wir uns gerne von Euch inspirieren lassen. Irgendwelche Vorschläge? 🙂

Eure Katze

Katze

Katze

Gründerin und Autorin von V8-Kultur. Begeistert von altem Blech und legendären Verbrennungsmotoren, lebt und arbeitet als freie Journalistin und Redakteurin in München, schreibt unter anderem für die Magazine Auto Bild Reisemobil und Auto Bild Klassik.
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