Die Gebrauchtwagensuche kann anstrengend und zermürbend sein – das haben wir alle schon einmal erlebt. Viele Gebrauchtwagen sehen in Natura anders aus als auf den schlecht gemachten Bildern, entsprechen nur selten der Beschreibung und sind plötzlich reserviert, wenn man sich als Insider zu erkennen gibt. Auch gab es schon immer die schwarzen Schafe auf dem Markt, die einem den verrosteten Mercedes ganz hinten links noch als Luxuslimousine verkaufen wollten. Aber etwas hat sich verändert. Auch mit sorgfältiger Suche sind heute keine guten Gebrauchten mehr zu finden. Während ein Großteil deutschen Kulturguts im Zuge der Abwrackprämie auf den Schrottplätzen vernichtet wurde, verschiffte man andere in den Libanon oder nach Afrika, wo sie ihren Lebensabend auch ohne TÜV verbringen können. Die erst kürzlich aufgedeckten Skandale rund um die Tacho-Mafia und die Schieberbanden aus dem Land des goldenen Fähnchens haben keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. An nur einem Samstag habe ich eine ganze Menge über Gebrauchtwagen und deren Verkauf gelernt…

Samstag Vormittag. Kandidat 1. Wir möchten uns einen Audi A4 von 1995 ansehen und folgen der Anweisung des Händlers, vorher anzurufen. Da die Limousine auf den Bildern trotz ihrer 360.000 km noch ganz passabel aussieht, frage ich den bayerisch sprechenden Händler, ob wir uns das Auto in 20 Minuten ansehen dürfen. Leider sei dies nicht möglich, kaut mir der Münchner mit vollem Mund ins Ohr, er mache gerade Pause und hätte keine Lust, extra zu seinem Verkaufsplatz herauszufahren. Wir könnten um 13.00 Uhr vorbeischauen, da kämen auch andere Interessenten. Selbstverständlich ignorieren wir seine Einladung, fahren direkt in die entsprechende Straße und finden einen A4 vor, der auf zwei platten Reifen steht, rundherum verkratzt ist und einen tiefen Riss quer über die ganze Windschutzscheibe trägt. Grundsätzlich gibt es nichts daran auszusetzen, solch ein Auto verkaufen zu wollen – aber bitte nicht für 1.300 EUR. Kandidat 2 und 3 bleiben uns übrigens verwehrt, da Händler 2 samstags grundsätzlich keine Autos verkauft und Händler 3 sich plötzlich entschieden hatte, nur noch an gewerbliche Kunden zu verkaufen.

Was ich dazugelernt habe: Die meisten Händler haben puren Schrott auf ihrem Verkaufsplatz stehen, der sich beim richtigen Käufer schnurstracks in Gold verwandeln lässt. Den Rest der Zeit bleibt der Verkaufsplatz wegen Wohlstand geschlossen.

Samstag Mittag. Kandidat 4. Wir haben unsere Lektion gelernt und suchen nur noch nach Privatanbietern. Unsere Suche führt uns ins Bayerische Voralpenland zu einem 5er BMW von 1989, der als Liebhaberfahrzeug und gepflegter Garagenwagen angepriesen wird. Die 265.000 km sind bei einem Reihensechszylinder kein Problem und eine altersschwache Lichtmaschine kann langjährige V8-Fahrer nicht wirklich abschrecken. Die besten Voraussetzungen, um einen Klassiker zu erwerben, oder? Weit gefehlt. Als das Garagentor geöffnet wird, ist das Elend auf den ersten Blick erkennbar. Schrammen und tiefe Kratzer zieren das alpinweiße Blechkeid, Rostblüten wuchern unter der lieblos hingepinselten weißen Baumarktfarbe und die beiden vorderen Kotflügel sehen aus, als hätte man den BMW mit 5 cm großen Hagelkörnern aus der Waagerechten beschossen. Auf die Frage nach den seltsam anmutenden Kotflügeln erhalte ich die Antwort, dass der Vater die Kotflügel mit Hammerschlägen vom Eis befreien wollte. Nebenbei sei er eigentlich auch schon zu alt (66 Jahre!) zum Autofahren, da er gelegentlich am Garagentor hängen bliebe. Angesprungen ist er übrigens auch nicht – aber nicht etwa wegen der teildefekten Lichtmaschine, sondern vielmehr weil kein Sprit mehr im Tank war.

Was ich dazugelernt habe: Ein Liebhaberfahrzeug ist ein Auto, das man mit dem Vorschlaghammer enteist und dessen Rostblüten man mit Tippex übermalt. Garagenwagen sind hingegen Fahrzeuge, mit denen man öfter mal an der Garageneinfahrt hängenbleibt – allerdings erst ab 60, wenn man wirklich viel alt ist, um ein KFZ zu bewegen.

Samstag Nachmittag (inzwischen etwas weniger ambitioniert). Kandidat 5. Ein Audi A4 Avant mit Bosse Soundsystem wartet darauf, von uns besichtigt zu werden. Obwohl die Anzeige nicht ein Wort enthält, das korrekt geschrieben ist, lassen sich Ausstattungsmerkmale wie Klimaautomatik, Komfortsitze und CD-Wechsler entziffern. Das Fahrzeug weise einige Gebrauchsspuren auf, sei aber scheckheftgepflegt und fahre ein bahn frei. Zum zweiten Mal machen wir uns auf den Weg in das Ghetto im Münchner Westen und verabreden uns mit dem aus Bosnien stammenden Verkäufer. Als dieser den Avant aus der Tiefgarage lenkt, stechen uns der verzogene Rahmen, eine großzügig eingebeulte Motorhaube und eine schlecht lackierte Frontschürze sofort ins Auge. Nach genauerem Hinsehen entpuppen sich die Gebrauchsspuren schnell als satter Frontalschaden: die nachträglich montierte, eigentlich laserrote Frontschürze wurde – passend zum schwarzen Metallic-Lack des Fahrzeugs – schwarz-matt angepinselt, der Querträger baumelt nur noch an ein paar Kabelbindern. Während die Fahrertür nicht richtig schließt, bekommen wir die Beifahrertür erst gar nicht auf. Warum er das Auto verkaufen wolle? Weil er nur kurze Strecken fahre und der A4 einfach zu viel verbraucht. Klar. Ich tippe eher auf den im Juli anstehenden TÜV, den dieses Unfallfahrzeug ganz bestimmt nicht mehr überstehen wird.

Was ich heute dazugelernt habe: Frontalschäden sind gemeinhin als Gebrauchsspuren zu bezeichnen, wenn das Fahrzeug mit einem Bosse Soundsystem ausgestattet ist und noch ein bahn frei fährt. Querträger und Fahrertür werden ohnehin völlig überbewertet.

Wir haben die Hoffnung aufgegeben, einen guten Gebrauchten unter 3000 EUR in München zu finden. Viel zu stark wird der Markt von den im Münchner Norden und Westen angesiedelten Fähnchenhändlern und Mauschlern regiert, die das seriöse Geschäft vollständig ruinieren.

Haben Sie ähnliche Erfahrungen mit der Suche nach dem richtigen Gebrauchten gemacht? Wie haben Sie Ihren Gebrauchten gefunden? Ich bin gespannt auf Ihre Antworten und freue mich auf Ihre Kommentare.

Ihre Katze

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Katze

Gründerin und Chefredakteurin von V8-Kultur. Begeistert von altem Blech und legendären Verbrennungsmotoren, mit feinem Humor und leichter Melancholie. Lebt und arbeitet als freie Journalistin und Redakteurin in München und schreibt unter anderem für die Magazine Auto Bild Reisemobil und Auto Bild Klassik.
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